veröffentlicht in: Energie & Charakter, 32. Jg. 2001, Nr. 23, 24

    Rainer Mahr

    Zur Wissenschaftstheorie in der Körperpsychotherapie

    0. Einleitung

    1.1. Was ist Wissenschaft?

    1.2. Die nichtlineare Wirklichkeit.

    1.3. Die Beziehung von Subjekt und Objekt beim Erfassen von Wirklichkeit

    1.4: Folgerungen für die Körperpsychotherapie

    2. Aspekte für wissenschaftliches Arbeiten in der Körperpsychotherapie

    2.1. Die Trennung zwischen körperlicher und psychischer Ebene

    2.2. Begriffsdefinitionen

    2.3. Gegenstand der Körperpsychotherapie

    2.4. Der Mensch, ein nichtlineares System

    2.5. Das Leib - Seele Problem in der Körperpsychotherapie

    2.6. Die Bedeutung der Beziehung in der Körperpsychotherapie

    3. Wissenschaftstheoretische Folgen für die Körperpsychotherapie

     

    0. Einleitung

    Körperpsychotherapeutische Schulen sehen sich zunehmend mit der Forderung konfrontiert, ihre Konzepte und Hypothesen mit wissenschaftlichen Methoden zu überprüfen, die Wirksamkeit ihrer Interventionstechniken zu belegen. Diese Anforderungen werden nicht nur von den etablierten Psychotherapieschulen, dem universitären Wissenschaftsbetrieb und dem Gesundheitssystem erhoben. Die Körperpsychotherapeuten selbst hinterfragen ihre Konzepte, suchen nach Lösungen für offene Fragen und Schwierigkeiten. Sie wollen besser verstehen, was in ihrer Arbeit eigentlich passiert, was wirkt, ihre Konzepte auf eine wissenschaftlichere Basis stellen. Sie beobachten ihre Arbeit, protokollieren, analysieren Videoaufzeichnungen von Therapiesitzungen, entwickeln Befragungsbogen für Patienten und Therapeuten, etablieren Kontrollgruppen, berechnen Wahrscheinlichkeiten und reflektieren mit den Ergebnissen die Relevanz ihrer Hypothesen.

    Die Frage, was Wissenschaft eigentlich ist, wie eine Beobachtung zur wissenschaftlichen Aussage werden kann, wird nicht so oft gestellt. Darüber scheint in der forschenden Psychotherapie auch Einigkeit zu herrschen, wenigstens bis zu dem Moment, wo sich unterschiedliche psychotherapeutische Schulen beginnen, gegenseitig die Wissenschaftlichkeit abzusprechen. Die Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem neuen Psychotherapeutengesetz in Deutschland sind dafür ein besonders eindrückliches Beispiel. Beim Versuch, die Psychotherapie auf eine objektiv wissenschaftliche Basis zu stellen, bleibt völlig unberücksichtigt, daß die moderne Naturwissenschaft, vor allem die Physik, die als Vorbild für wissenschaftliche Güte gilt, schon längst die Positionen verlassen hat, die die psychotherapeutische Forschung gerade glaubt, etablieren zu müssen.

    Eine sehr ausführliche Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Psychotherapie hat Jürgen Kriz mit seinen Arbeiten zum psychotherapeutischen Forschungsbetrieb geleistet.

    ( Kriz ) In dieser Arbeit sollen deshalb nur einige zentrale Probleme der etablierten Wissenschaftstheorien dargestellt und diskutiert werden. Mit ihnen kann deutlich werden, daß die Körperpsychotherapie nicht gut beraten ist, diese Konzepte für ihre Forschung unreflektiert zu übernehmen. Da die Körperpsychotherapie mit ihrer Forschungsarbeit noch ganz am Anfang steht, hat sie die große Chance, ihre Konzepte mit einem Wissenschaftsverständnis zu entwickeln, das den derzeit bekannten Strukturen der Wirklichkeit besser gerecht werden kann. Es geht derzeit nicht so sehr darum, wie die Körperpsychotherapie ihre Hypothesen mit Forschungsdesigns, Kontrollgruppen usw. verifizieren oder falsifizieren kann. Entscheidender sind erst einmal die Fragen nach angemessenen Begriffen, Strukturen und Kriterien, in denen körpertherapeutische Prozesse beschrieben und untersucht werden können

     

    1.1. Was ist Wissenschaft?

    So unterschiedlich die Ansichten der Menschen über die Beschaffenheit unserer Welt, das Funktionieren der Natur, die Motive für menschliches Verhalten auch sein mögen, weitgehend einig sind sie sich darin, daß die Wissenschaft die anstehenden Fragen klären kann und auch klären wird. Sie wird schon unsere Vermutungen bestätigen, zwischen unterschiedlichen Meinungen entscheiden, zu mehr Wahrheit führen. Mit fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnissen verstehen wir besser die wirklichen Zusammenhänge der Welt um uns, in uns und zwischen uns Menschen. Mit diesem objektiven Wissen ist es dann möglich, die Lebensbedingungen zu verbessern, Leid, Not, physische und psychische Krankheiten zu lindern und sogar zu verhindern. (Chalmers, S.7)

    Wissenschaftliche Arbeit fördert die Wahrheit oder Objektivität und damit verbunden, die Fähigkeit, neue Produkte zu planen, Ereignisse und Verhaltensweisen vorauszusagen.

    Objektivität und die Fähigkeit zu Voraussagen sind wesentliche Kriterien um die Güte einer wissenschaftlichen Aussage zu bewerten.

    Objektiv ist eine Aussage, wenn sie von allen Menschen gemacht wird, die ein bestimmtes Phänomen mit den gleichen Methoden beobachten und wenn diese Beobachtungen wiederholt werden können. Die Voraussagefähigkeit meint, daß aufgrund früherer Beobachtungen und wissenschaftlicher Ergebnisse, ein Ereignis, eine Reaktion erwartet werden kann, noch bevor sie auch nur in Ansätzen aufgetreten oder ausgelöst worden ist.

    So unterschiedlich die Wege sind, die Wissenschaftler gehen müssen, um zu ihren objektiven Aussagen zu kommen, über die notwendige Struktur wissenschaftlicher Arbeit herrscht weitgehend Konsens:

    Wissenschaftliche Forschung beginnt mit der Sammlung von Daten, mit Beobachtungen, Messungen, Zählen, mit Experimenten. Diese Daten werden dann nach bestimmten Kriterien geordnet, Schlußfolgerungen werden gezogen, Hypothesen und Theorien aufgestellt. Es ist der Prozess der "Induktion". Ihm folgt dann die Deduktion, bei der von den gewonnenen Theorien Vorhersagen abgeleitet werden. Diese Vorhersagen werden wieder durch Beobachtung, Messung und Experiment auf ihre Glaubwürdigkeit und Objektivität überprüft. Nicht selten beginnt wissenschaftliche Arbeit aber auch mit einer Theorie oder Hypothese, die nicht durch Beobachtung, sondern intuitiv, irgendwo, im Traum, bei einer Diskussion mit anderen Menschen dem Forscher eingefallen ist. Es wird dann versucht, sie durch Messung, Experiment oder Beobachtung zu überprüfen, zu klären, ob sie objektiv und wahr ist. Ein einfaches Beispiel für das induktive Verfahren könnte folgendermaßen aussehen:

    Ich beobachte einen Raben und stelle fest, daß er schwarz ist. Ich beobachte an unterschiedlichen Tagen, zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten weitere 100 Raben und stelle fest, daß sie alle schwarz sind.

    Daraus folgere ich, daß es wahr ist und objektiv: Alle Raben sind schwarz.

    (Chalmers, S.20)

    Diese Vorgehensweise, zu objektiven Aussagen zu kommen, klingt einleuchtend, entspricht unserem normalen Menschenverstand, birgt aber zwei schwerwiegende Probleme. Die Entscheidung, die ursprüngliche Beobachtung von einem schwarzen Raben mit 100 und nicht mit 1000 oder 10000 Beobachtungen zu überprüfen, ist willkürlich. Es gibt keinen objektiven, zwingenden Grund für die Überprüfung mit 100 Raben. Es könnte sein, daß Rabe Nr. 101 oder 10001 weiß ist. Damit wäre meine Theorie, daß alle Raben schwarz sind, falsch.

    „Ein interessantes, wenn auch ein wenig grausiges Beispiel hierzu ist Bertrand Russels Geschichte vom induktivistischen Truthahn. Der Truthahn fand am ersten Morgen auf der Mastfarm heraus, daß er um neun Uhr morgens gefüttert wird. Gleichwohl zog er, als guter Induktivist, daraus zunächst noch keine voreiligen Schlüsse. Er wartete, bis er eine große Anzahl von Beobachtungen gesammelt hatte, daß er um neun Uhr morgens gefüttert wird. Diese Beobachtungen machte er unter einer großen Vielfalt von unterschiedlichen Bedingungen, an verschiedenen Wochentagen, an warmen und kalten Tagen, an Regentagen und sonnigen Tagen. Jeder Tag brachte ihm eine neue Beobachtungsaussage. Schließlich war sein induktivistisches Gewissen beruhigt und er kam zu dem Induktionsschluß „Ich werde jeden Tag um neun Uhr morgens gefüttert“. Leider stellte sich diese Schlußfolgerung in einer unzweideutigen Weise als falsch heraus, nämlich als ihm am Heiligabend, anstatt daß er Futter bekam, der Hals durchgeschnitten wurde. Der Induktionsschluß mit wahren Voraussetzungen führte unseren armen induktivistischen Truthahn zu einer falschen Schlußfolgerung." (Chalmers, S.20)

    Der Versuch, von einer bestimmten Anzahl von Beobachtungen auf einen objektiven Zustand zu schließen, ist zwar plausibel, entspricht vielen menschlichen Erfahrungen, ist aber nicht wirklich objektiv legitimiert. Es handelt sich um das sogenannte Induktionsproblem, das im Wissenschaftsbetrieb zwar auf vielfältige Weise versucht wird zu umgehen, aber nicht wirklich gelöst werden kann (Chalmers, S.19ff.)

    Ein Lösungsversuch besteht z.B. darin, nur Aussagen über die Wahrscheinlichkeit zu treffen, mit der die erwarteten Ereignisse eintreffen können:

    Man beobachtet in 100 Situationen, ob das erwartete Ereignis eintrifft. Ist man in 60 Situationen erfolgreich, bekommt man eine Wahrscheinlichkeit von 60 %. Eine objektive, wissenschaftliche Aussage ist damit aber nicht möglich. Würde man versuchen, das Ergebnis der Beobachtungen auf unendlich viele Situationen zu übertragen, geht die Wahrscheinlichkeit gegen Null. "Die Wahrscheinlichkeit, daß der allgemeine Satz wahr ist, ist also gleich dem Bruch aus einer endlichen Zahl durch eine unendliche, was immer Null ergibt, wie hoch die endliche Zahl der Beobachtungsaussagen, die den Nachweis begründen, auch ansteigen mag."

    (xn  x = 0) (Chalmers, S. 23)

    Wenn es also nicht möglich ist, aus wahren Beobachtungsaussagen und logischer Ableitung zu universell gültigen Aussagen zu gelangen, so kann man doch umgekehrt aus einzelnen Beobachtungen die Falschheit einer Theorie oder Hypothese nachweisen: Eine einzige Beobachtung eines weißen Raben führt dazu, daß die Behauptung, alle Raben seien schwarz, falsch ist.

    Dieses Prinzip, nach Möglichkeiten zu suchen, die Falschheit einer Hypothese nachzuweisen und nicht Argumente für ihre Richtigkeit, benutzt der Falsifikationismus mit seinem wichtigsten Vertreter, Karl Popper. Wenn im wissenschaftlichen Alltagsbetrieb die Falsifizierung von Hypothesen auch nicht die Standardmethode wissenschaftlicher Arbeit zu sein scheint, genießt Popper mit seinen Vorstellungen hohes Ansehen. Theorien, die im Falsifizierungsprozeß nicht falsifiziert werden konnten, besitzen einen besonders hohen Grad an Güte und Objektivität. So bekam z.B. Bernhard Ruth von Fritz A Popp den Auftrag, in einer Dissertation nachzuweisen, daß die Theorie von der Lichtstrahlung in lebenden Zellen richtig sei. Ruth machte sich Sorgen um sein wissenschaftliches Ansehen, wenn er sich mit solch spekulativen Dingen beschäftigen würde. Deshalb versuchte er nachzuweisen, daß diese Hypothesen falsch sind. Leider hatte er Pech, dieser Nachweis mißlang und bestätigte die Ansichten, die er eigentlich falsifizieren wollte.

    Es muß andererseits aber deutlich gesehen werden, daß die Falsifikation nur eindeutige Ergebnisse liefert, wenn die Falsifizierung gelingt, wenn sich zeigt, daß die überprüfte Theorie falsch ist. Wenn dies nicht gelingt, dann ist diese Theorie noch lange nicht bewiesen und objektiv wahr. Wenn der gesuchte weiße Rabe nicht gefunden wurde, dann kann es trrotzdem sein, daß es ihn irgendwo gibt, daß er irgendwann einmal gesehen wird. Die Behauptung, daß alle Raben schwarz sind, ist also durch die erfolglose Falsifikation nicht objektiviert. Umgekehrt gab es z.B. in der wissenschaftlichen Diskussion um die neue Astronomie von Kopernikus so viele Argumente gegen diese Theorie, daß sie erst einmal als falsifiziert gelten mußte. (Chalmers S.70f)

    Damit die Falsifikation als Form wissenschaftlicher Arbeit überhaupt funktioniert, müssen die Hypothesen so formuliert sein, daß man sie falsifizieren kann. Diese Forderung scheint einer der wichtigsten Beiträge dieser Wissenschaftstheorie  zu sein: Hypothesen können sehr kühn und spekulativ sein, man muß sie nur so klar und eindeutig formulieren, daß sie überprüft und falsifiziert werden können. Die Hypothese: "Körperübungen im psychotherapeutischen Prozeß lösen Energieblockaden", ist eine schlechte Hypothese. Sie erklärt nicht, um welche Körperübungen es sich handelt, was unter Energie verstanden werden soll, wie man sie beobachten kann, und wie diese Energie im Organismus blockiert wird. Es müßte auch definiert werden, woran man erkennen kann, daß die Energie im Körper wieder fließt.

    "Wenn ein Körperpsychotherapeut einen Patienten, der Angst vor seinem Examen hat, körperlich berührt, indem er ihm seine Hand auf die Brust legt, dann steigt die Zahl der Leukozyten im Blut des Patienten innerhalb einer Stunde um 10% an." Unabhängig von der Frage, ob diese Hypothese stimmt oder nicht, ist es eine gute Hypothese, denn man kann sie jederzeit exakt überprüfen oder falsifizieren.

    Diese Überlegungen weisen darauf hin, daß die wissenschaftstheoretischen Konzepte, mit denen heute noch vielfach Forschung betrieben wird, und die auch als Standard in der Psychotherapieforschung gefordert werden sollen, die Objektivität nicht bringen, die sie versprechen

     

    1.2. Die nichtlineare Wirklichkeit.

    Unsere Vorstellung einer objektiven Wissenschaft setzt voraus, daß die Wirklichkeit, die untersucht werden soll, berechenbar, voraussagbar oder "linear" ist. Wenn bestimmte Bedingungen herrschen, dann wird dies ganz bestimmte Reaktionen hervorrufen. Durch die kontrollierte Veränderung der Bedingungen kann man auch die Folgen verändern, verstärken, abschwächen. Mit solchen eindeutigen Aussagen, den Naturgesetzen, lassen sich die untersuchten Phänomene berechnen, die damit zusammenhängende Welt gestalten und verändern. Nun hat aber schon Newton gemerkt, daß es sehr schwierig ist, solche Wenn - Dann Beziehungen eindeutig zu formulieren und sie mit mathematischen Gleichungen darzustellen. Die Beschreibung mit den Mitteln der Mathematik galt aber als Voraussetzung dafür, die Wirklichkeit effektiv und planend verändern zu können. Reibung, Luftwiderstand und andere Größen konnten in den Gleichungen nicht adäquat erfaßt werden. So konnte das Gravitationsgesetz nur für den Fall beschrieben werden, daß sich ein Körper auf eine einzige große Masse zu bewegt. Die Voraussetzung von zwei ähnlich großen Massen hätte die Möglichkeiten gesprengt, die dann wirkenden Kräfte und Verhältnisse in einer Gleichung darzustellen. Die Naturwissenschaft begann, sich mit der Einführung von sogenannten Konstanten in ihre Gleichungen zu helfen. Anders ausgedrückt: Zukünftig wurden die Gleichungen harmonisiert, die störenden Bedingungen als unwesentlich eliminiert. Dieses Verfahren hat sich offensichtlich als sehr erfolgreich erwiesen. Man hat sich mit den Bedingungen zufrieden gegeben, die für die Beschreibung einer Wirklichkeit insoweit von Bedeutung waren, als man mit ihnen planen und gestalten konnte. Der kleine Rest der Wirklichkeit wurde vernachlässigbar. Die beobachtete Welt war eigentlich nicht linear, sie wurde linearisiert. Dem Anspruch von Objektivität und dem Ziel, ewige Naturgesetze zu formulieren, wird dieses Vorgehen allerdings nicht gerecht.

    Die Notwendigkeit, sich mit diesem Problem genauer zu befassen, kam erst auf, als die Physik durch neue Theorien und Beobachtungen gezwungen wurde, ihr Denkgebäude gründlich zu hinterfragen. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Entdeckung, daß sich die Eigenschaften von Licht verändern, wenn sie mit unterschiedlichen Beobachtugsgeräten untersucht werden. Der alte Satz, daß die Natur keine Sprünge macht (natura non facit saltus, Leibniz), galt nicht mehr. Außerdem hatte die Mathematik mit ihrer "komplexen" Arbeitsweise ein Verfahren entwickelt, eben solche nichtlinearen Verhältnisse zu beschreiben. Zur Zeit Newtons gab es diese Mathematik noch nicht.

    Aber selbst die Mathematik, die als die objektivste aller Wissenschaften angesehen wird, konnte dem Schock der Nichtlinearität nicht entgehen. Es gibt mathematische Phänomene und Gleichungen, die nicht linear sind, die sich nicht nach den allgemeinen Regeln der Mathematik verhalten. Die sog. "Bäckergleichung", eine Wachstumsgleichung, mit der man  das Wachstum einer Population unter bestimmten Bedingungen beschreiben kann (Capra, S.147) soll das Problem verdeutlichen:

    Die "Bäckerfunktion "lautet:  y=k*x*(1-x)

     

    K steht für eine Konstante, z.B. 3 . X ist eine Zahl, die unterschiedliche Werte annehmen soll zwischen 0 und 1. Bei jeder Rechnung vergrößert sich x um 0.2. Das führt zu folgenden Ergebnissen:

         x >3x (1-x)

    0 > 0  (1-0) =0

    0,2 > 0,6(1-0,2) =0,48

    0,4 >1,2(1-0,4) =0,72

    0,6 >1,8(1-0,6) =0,72

    0,8 >2,4(1-1) =0,48

    1 >3(1-1) =0

    Da in den aufgeführten Rechnungen der Wert für x kontinuierlich ansteigt, immer um 0,2 Punkte, müßte man annehmen, daß sich das Ergebnis ähnlich verhält (siehe graue Linie). Aber genau dies geschieht nicht (siehe schwarze Linie).

    Wenn man die Berechnungen nun fortsetzt bis zum Wert 2 müßte man nun eigentlich mit diesem nichtlinearen Verhalten rechnen, denn diese Formel ist offensichtlich so geartet, daß sie sich zwischen 2 ganzen Zahlen `faltet`:

    x 3x(1-x)

    1 3(1-1)  =0

    1,2 3,6(1-1,2) =-0,72

    1,4 4,2(1-1,4) =-1,68

    1,6 4,8(1-1,6) =-2,88

    1,8 5.4(1-1,8) =-4,32

    2 6,0(1-2,0) =-6,00

    Die Berechnungen zeigen wiederum einen ganz unerwarteten Verlauf (siehe gepunktete Linie).

    Dieses und viele Beispiele der komplexen Mathematik zeigen, daß es Gleichungen und Funktionen gibt, mit denen man Berechnungen und somit auch Voraussagen machen will, die zu ganz unberechenbaren Ergebnissen führen. Die kleinste Veränderung einer einzigen Variablen kann dramatische Folgen haben, die jede Vorhersage unmöglich macht. „In der Chaostheorie nennt man dies den <Schmetterlingseffekt>  eine Anspielung auf die scherzhaft gemeinte Behauptung, daß ein Schmetterling, der heute einen unmerklichen Luftwirbel in Peking erzeugt, damit im nächsten Monat ein Unwetter über New York auslösen kann. Der Schmetterlingseffekt wurde Anfang der sechziger Jahre von dem Meteorologen Edward Lorenz entdeckt, der ein ganz einfaches Modell von Wetterbedingungen konstruierte, das aus drei gekoppelten nichtlinearen Gleichungen bestand. Er fand heraus, daß die Lösungen seiner Gleichungen eine extreme Abhängigkeit von den Anfangsbedingungen aufwiesen. Vom praktisch gleichen Anfangspunkt aus entwickelten sich zwei Bahnen auf völlig verschiedene Weise, so daß sich eine langfristige Vorhersage als unmöglich erwies." (Capra, S.158)

    Diese Entdeckungen in den unterschiedlichsten Bereichen der Naturwissenschaften bis hin zur Mathematik zwingen zu der Annahme, daß unsere Wirklichkeit bei Weitem nicht so linear ist, wie wir angenommen haben, und daß mit der Nichtlinearität zwangsläufig die Unmöglichkeit verbunden ist, Vorhersagen zu machen, Objektivitäten zu postulieren.

    Was hier als Nichtlinearität beschrieben wurde, wird auch unter dem Begriff der Chaostheorie diskutiert.

     

    1.3. Die Beziehung von Subjekt und Objekt beim Erfassen von Wirklichkeit

    Wenn mehrere Menschen in einem Raum zusammen leben und arbeiten, ist es manchmal gar nicht leicht, eine Raumtemperatur herzustellen, mit der alle zufrieden sein können. Während sich die einen über die unerträgliche Hitze und die trockene Luft beklagen, suchen andere nach zusätzlichen Socken und bitten darum, die Heizung höher zu drehen. Die objektive Feststellung, daß die Zimmertemperatur 220 C beträgt und dies eine angemessene Temperatur sei, wird niemanden befriedigen.

    Mit diesem Beispiel wird der Umstand angesprochen, daß wir Menschen die gleichen Phänomene und Wirklichkeiten unterschiedlich wahrnehmen und erleben. Den Beobachtungen und Einschätzungen von Menschen zu trauen ist höchst unbefriedigend, wenn es darum gehen soll, der Wahrheit näher zu kommen, Gesetzmäßigkeiten zu finden, mit denen man planen und gestalten kann. In der Wissenschaft geht es deshalb ganz wesentlich darum, die subjektiven Aspekte von den beobachteten reinen Fakten zu trennen und nur Letzteren weitere Beachtung zu schenken.

    Zu diesen subjektiven Beobachtungen kommt es, weil die Wirklichkeit mit unseren Sinnen, Augen, Ohren, Nase zwar registriert wird, nach einem Filterprozeß in wichtige und unwichtige Daten von unserem Gehirn zu einem neuen Bild, einer Vorstellung der Wirklichkeit zusammengesetzt werden muß. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man die Tonbandaufzeichnung von einer Gesprächsrunde hört, an der man selbst teilgenommen hat: Man entdeckt plötzlich Stimmen und Geräusche, die man in der realen Situation nicht wahr genommen hat. Das Ohr hat sich nur auf einige wenige konzentriert, die besonders wichtig waren und die anderen einfach ausgefiltert, obwohl sie natürlich ´gehört` worden waren.

    Zwischen der Wirklichkeit draußen und unseren Vorstellungen in uns besteht immer eine gewisse Differenz. Wir versuchen zwar, diese Differenz zu verringern, indem wir uns mit anderen Menschen, die die gleichen Beobachtungen machen, austauschen, Ähnlichkeiten und Unterschiede der Wahrnehmung registrieren und gewichten. Aus dem grundsätzlichen Dilemma kommen wir aber nie heraus. Sichere Aussagen können wir nur über die Bilder machen, die in uns erscheinen. Auch der Austausch mit anderen Menschen kann nur über die Bilder stattfinden, aber nie über die Wirklichkeit selbst. Es kann nur versucht werden, aus den Übereinstimmungen der unterschiedlichen Beobachter auf einen bestimmten Zustand der Realität draußen zu schließen. Daher ist es sicher eine gute Idee, die Beobachtungen Geräten zu übertragen, die zu Ergebnissen führen, die nicht durch den subjektiven Faktor beeinflußt werden können. Es wurde aber schon an einem Beispiel aus der neueren Physik deutlich gemacht, wie trügerisch diese Hoffnung ist. Auch hier kann die Wirklichkeit in unterschiedlicher Struktur in Erscheinung treten, wenn sie von unterschiedlichen Geräten beobachtet und gemessen wird.

    Aus dieser Situation zieht eine Erkenntnistheorie, die sich auf die Philosophie des Konstruktivismus gründet, den Schluß, daß die Wirklichkeit, Welt, Natur überhaupt nur in unseren Köpfen existiert. Sie wird von uns Menschen eigentlich erst geschaffen. Sollte sie trotzdem irgendwie real existieren, so ist das für unser Leben uninteressant. Wichtig ist nur die Welt, die wir in uns schaffen. Wenn wir mit anderen Menschen in Kontakt kommen wollen, dann müssen wir mit ihnen zusammen diese Welt in uns neu konstruieren. Wir reden über unsere subjektiven Beobachtungen miteinander und zur Wirklichkeit wird das, was dieser Diskurs produziert. Nicht nur Wissenschaft im herkömmlichen Sinn, sondern auch die Verständigung mit Menschen, die an diesem Diskurs nicht beteiligt waren, wird unmöglich. In der Körperpsychotherapie wird es z.B. auf diesem Weg nie eine gemeinsame Vorstellung über die energetischen Prozesse bei der Arbeit kommen können, wenn jeder einzelne Therapeut aufgrund seiner subjektiven Erfahrungen definiert, was für ihn Energie ist. Glaubt man trotzdem, sich auf diese subjektiven Beobachtungen zurückziehen zu müssen, dann sollten die Gespächspartner auch nur von ihren Erfahrungen berichten und ihnen nicht das Etikett "Energie" anhängen. Tun sie dies, benutzen sie ein gemeinsames Wort mit höchst unterschiedlichen Bedeutungen, die Entwicklung von Hypothesen und überprüfbaren Theorien wird hinfällig.

    Wird die konstruktivistische Sichtweise, die Umwelt zu erkennen, nicht akzeptiert, dann muß weiterhin davon ausgegangen werden, daß es eine Wirklichkeit gibt, die unabhängig von den Menschen und Maschinen existiert, die sie beobachten. Die wissenschaftlichen Versuche, sie aber unabhängig vom der subjektiven Erfahrung zu beschreiben, führt dazu, beide voneinander zu trennen. "Ich behaupte, es handelt sich dabei um eine gewisse Vereinfachung, die wir einführen, um das unerhört verwickelte 'Problem der Natur' zu meistern. Ohne es uns ganz klarzumachen und ohne dabei immer ganz streng folgerichtig zu sein, schließen wir das 'Subjekt der Erkenntnis' aus aus dem Bereich dessen, was wir an der Natur verstehen wollen. Wir treten mit unserer Person zurück in die Rolle eines Zuschauers, der nicht zur Welt gehört, welch letztere eben dadurch zu einer 'objektiven' Welt wird.” (Erwin Schrödinger, Geist und Materie, Zürich 1989, S. 28)

    Oft ist diese Spaltung zwischen der Welt draußen und ihrer Erscheinug im Beobachter sicher wichtig und hilfreich, um die Welt und das Leben besser verstehen und beschreiben zu können. Die Ergebnisse können aber nie wahr sein, die Wirklichkeit richtig oder objektiv abbilden, weil zu diesem Weg, unser Wissen zu vervollständigen, der Verzicht auf einen Teil der Welt gehört, nämlich das beobachtende Subjekt.

    Will Wissenschaft die ganze Wahrheit der Welt, Natur und des Lebens beschreiben, will sie wirklich objektiv werden, dann muß sie Objekt und Subjekt als eine einheitliche Realität akzeptieren und versuchen, sie in dieser Einheit zu verstehen und zu beschreiben.

     

    1.4. Folgerungen für die Körperpsychotherapie

    1. Die Betrachtung der Strukturen von derzeit üblichen und allgemein akzeptierten Wissenschaftstheorien zeigt, daß sie trotz aller Leistungsfähigkeit in vielen Bereichen ihren Anspruch, Objektivität im Sinne von Wahrheit, allgemeingültige Gesetze finden und formulieren zu können, nicht einlösen können.

    2. Die Körperpsychotherapie muß ihre Hypothesen so klar und eindeutig formulieren, daß sie beobachtbar, überprüfbar und falsifizierbar werden. Dies allein wird schon dazu führen, in der Praxis genauer zu beobachten, präziser zu intervenieren, und vor allem besser zu verstehen, was wir eigentlich machen. Der Gewinn an neuen Informationen über körpertherapeutisches Geschehen wird gewaltig sein.

    3. In unserer Wirklichkeit gibt es lineare und nicht lineare Verhältnisse. Von dieser Situation hängt es jeweils ab, ob Vorhersagen möglich sind oder nicht. Deshalb muß die Körperpsychotherapie, bevor sie Hypothesen aufstellt, klären, ob sie es beim Menschen, den sie erforschen will, mit einer linearen oder nicht linearen Wirklichkeit zu tun hat.

    4. Natürlich kann es für die Körperpsychotherapie sinnvoll und wichtig sein, ihre Hypothesen mit den derzeit üblichen Instrumenten zu überprüfen, um sie mit anderen Therapiekonzepten diskutieren und politisch vertreten zu können. Der Versuchung, die Ergebnisse als objektive Wirklichkeiten zu akzeptieren, sollten wir aber widerstehen.

    5. Die Körperpsychotherapie wird zu untersuchen haben, inwieweit sie sich die Spaltung in Objekt und Subjekt leisten kann, wenn sie zu einigermaßen sinnvollen Aussagen über ihre Arbeit gelangen will. Denn Psychotherapie besteht gerade in einem irgendwie gearteten Austausch zwischen Therapeut und Patient, zwischen Beobachter und Beobachtetem. Es könnte sein, daß bei einer Trennung zwischen beiden Bereichen gerade das verloren geht, was interessiert, was untersucht werden soll. Gibt es in der Körperpsychotherapie die Möglichkeit, Subjekt und Objekt als eine einzige Wirklichkeit zu sehen und zu beobachten?

     

    2. Aspekte für wissenschaftliches Arbeiten in der Körperpsychotherapie

    2.1. Die Trennung zwischen körperlicher und psychischer Ebene

    Natürlich ist jedem Psychotherapeuten  mehr oder weniger bewußt, daß die psychischen Phänomene, die Gefühle, Bilder und Phantasien seiner Patienten nur möglich, nur wahrgenommen und beeinflußt werden können, weil sie von einem funktionierenden Körper produziert oder repräsentiert werden. Ohne diesen Körper kann die Seele nicht weinen, lieben, schreien. Aber - Psychotherapie beschäftigt sich nicht mit dem Körper selbst, sondern mit der Frage, wie die Gefühle und Phantasien, die der Körper produziert, erlebt werden, was sie bedeuten, wie sie unser Verhalten beeinflussen Der Therapeut reagiert nur auf die erzählten Ereignisse und auf die dargestellten emotionalen Inhalte. Man könnte die Situation mit einem Theaterstück vergleichen: Was die Besucher auf der Bühne sehen, ist der Versuch von Schauspielern, eine bestimmte Geschichte, ein dramatische Beziehung, eine Idee, Weisheit oder Botschaft darzustellen, uns zu vermitteln. Die Zuschauer interessieren sich für die Geschichte, werden von der vermittelten Botschaft berührt und genau diese Wirkung, die in den Zuschauern entstanden ist, wird dann Gegenstand des Austauschs zwischen den Besuchern werden. Was während der Aufführung hinter den Kulissen geschieht, die notwendigen Arbeiten zur Vorbereitung, die technische Ausstattung, der Verlauf und die Art und Weise wie das Stück einstudiert wurde, das alles interessiert den Besucher, der das angekündigte Drama sehen will, wenig. Trotzdem sind die Bereiche hinter den Kulissen Realität, gehören zum Theater und ohne sie kann das Stück nicht überzeugend aufgeführt werden. Jeder Theatermensch, der selbst Stücke auf die Bühne bringen, der sie überzeugender, eindringlicher machen will, muß sich auch mit der ganzen Welt hinter, über und unter der Bühne beschäftigen, mit der Technik, den Bühnenbildnern, mit den Schauspielern, ihren Schwierigkeiten und Stärken.  Wenn er mit den Besuchern diskutiert oder versucht, sich die Wirkung einzelner Szenen vorzustellen, dann muß er sich auf die Botschaft und Kraft der Bilder und Geschichten einlassen, die vor ihm auf der Bühne erscheinen. Er muß in der Lage sein, zwischen den verschiedenen Ebenen, auf denen Theater geschieht, je nach Notwendigkeit zu wechseln. Auf der jeweiligen Ebene wird er dann mit den dort üblichen Begriffen, Arbeitsabläufen und Techniken umgehen können. Verwechselt er dies, stiftet er Chaos, verhindert oder erschwert eine gute Repräsentation seiner Geschichte.

    Die Körperpsychotherapie scheint mit ihrem Anliegen in eine ähnliche Situation geraten zu sein: Sie will psychisches Geschehen und therapeutische Prozesse nicht nur auf der Ebene des Psychischen mit ihren Bildern, Gefühlen und Phantasien beschreiben und beeinflussen. Sie will vielmehr genauer herausfinden, wie psychische Ereignisse physiologische Funktionen beeinflussen und wie man umgekehrt mit Interventionen in biologischen Strukturen psychische Reaktionen auslösen kann. Sie interessiert sich nicht nur für die Geschichte auf der Bühne, sondern für das ganze Theater. Natürlich sind diese beiden Ebenen in der praktischen körperpsychotherapeutischen Arbeit oft nicht zu trennen. Für die Beschreibung ihrer Konzepte und die Formulierung von Hypothesen ist diese Unterscheidung aber unverzichtbar.  Geschieht dies nicht, werden die Konzepte unklar bis falsch, können selbst in der eigenen Ausbildung nicht mehr adäquat vermittelt werden. Ein typisches Beispiel dafür ist der Energiebegriff, der für viele körpertherapeutische Schulen eine große Bedeutung hat. Auf der psychischen Ebene ist seine Bedeutung klar, wenn er die Lebendigkeit und Kraft einer Person ausdrückt, die sie gerade wiedergewonnen hat. Diese Energie wird von den Patienten oft auch gespürt mit den unterschiedlichsten Körperreaktionen. Der Therapeut kann sie wahrnehmen am veränderten Augenausdruck, der Körperhaltung, dem Gang, der kräftigeren Stimme. All diese Beobachtungen kann man mit dem Bild von Energie sehr gut zusammenfassen und ausdrücken. Ob diese Erscheinungen aber auch mit einem verbesserten Energieniveau auf der physiologischen Ebene korrespondieren, ist nicht gesichert. Kann die Aufnahme von mehr Nahrung (als Energie), die Vertiefung der Atmung (als Katalysator für die Bereitstellung von Energie), die gewünschten Effekte erzielen?  Wenn die Entspannung von Muskulatur die Energie wieder besser fließen lassen soll, wie ist das möglich, was geschieht dann in der Muskelfaser? Mit welchen Formen von Energie haben wir es in diesem Prozeß zu tun? Handelt es sich um `potentielle, kinetische, elektrostatische, elekromagnetische oder Strahlungsenergie´?  Sicher, viele Patienten spüren die Energie plötzlich wieder fließen. als feines Strömen oder als heftiges Pulsieren. Handelt es sich um die gleiche Energie? Oder was fließt und strömt hier eigentlich? 

    Auf die Trennung zwischen der psychischen und physischen Ebene wird in der Körperpsychotherapie oft nicht besonders geachtet, weil das Prinzip der Ganzheitlichkeit so große Bedeutung bekommen hat. Die ganzheitliche Sicht des Menschen in der Körperpsychotherapie muß aber nicht heißen, körperliches und psychisches Geschehen immer mit den gleichen Bildern und Begriffen zu beschreiben. Sie wird eher noch deutlicher, wenn mit biologischen, physiologischen und physikalischen Kategorien dargestellt wird, wie sich seelisches Erleben im biologischen Organismus manifestiert, wie physiologische Prozesse als psychisches Geschehen zum Ausdruck kommt.

     

    2.2. Begriffsdefinitionen

    Versucht  die Körperpsychotherapie, ihre Arbeit auf der Ebene der Körperprozesse darzustellen, wird sie notwendigerweise gezwungen, die Begriffe zu verwenden, die zur Beschreibung biologischer, anatomischer und physiologischer Prozesse üblich sind. Dadurch bekommen die verwendeten Begriffe einen eindeutigen Bezugspunkt und eine klare Definition. Da wir uns mit unseren Konzepten im abendländischen und naturwissenschaftlichen Raum bewegen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung auch mit Kollegen und anderen Wissenschaften dieser Tradition führen wollen, muß die Definition unserer Begriffe in diesen Denkmodellen und Sichtweisen geschehen. Wird der Energiebegriff z.B. als ´universelle Lebensenergie´ definiert, die sich von allen materiellen Energiesystemen unterscheidet, dann kann man sie nicht mehr außerhalb der Therapieschule, die diese Definition gemacht hat, verstehen und diskutieren. Ist man aber trotzdem der Meinung, daß mit dieser Lebensenergie ein reales Energiesystem im menschlichen Organismus beschrieben wird, das unabhängig von den bekannten physiologischen Modellen existiert, dann muß dies entsprechend nachgewiesen, begründet und in Beziehung zur biologischen Realität im Organismus gesetzt werden. Leider wird allzu oft vergessen, daß Wilhelm Reich, der mit seiner Orgonenergie eine solche Lebensenergie postuliert hat und auf den sich viele Kollegen mit ihren Energievorstellungen beziehen, durch langwierige und sehr exakte naturwissenschaftliche Forschung  zu dieser Hypothese gekommen ist (siehe Mahr). Auch Fritz A. Popp hat als Naturwissenschaftler mit seiner Biophotonentheorie Hypothesen aufgestellt über die Existenz und Funktion eines Energiesystems im Organismus, mit dem die anderen biologischen Regelsysteme koordiniert werden können (Bischof, S.97ff) Man kann nun versuchen herauszufinden, ob es dieses physikalische Energiesystem sein könnte, das wir mit der Energiearbeit in der Körperpsychotherapie  beeinflussen.

    Natürlich könnte man die energetischen Prozesse auch mit den Modellen der Traditionellen Chinesischen Medizin beschreiben. Dann müßte man aber auch den gesamten körperpsychotherapeutischen Prozeß in diesem Modell und Menschenbild darstellen. Es ist sicher nicht möglich, nur den Energiebegriff der Traditionellen Chinesischen Medizin zu nutzen und mit ihm physiologische Phänomene nach naturwissenschaftlichen Kategorien zu untersuchen. Dies wäre erst sinnvoll, wenn Beziehungen zwischen dem chinesischen  und dem naturwissenschaftlichen Energiebegriff hergestellt werden können. Vielleicht könnte dies mit Popps Biophotonentheorie einmal gelingen.

    In der mittelalterlichen scholastischen Philosophie war es üblich, die Erörterung jeder Frage mit einer exakten Definition der Begriffe zu beginnen, über die diskutiert und nachgedacht werden sollte. Oft brachte schon allein die Klärung der unterschiedlichen Vorstellungen über einen Begriff ein besseres Verständnis unterschiedlicher Positionen. Ohne diese unterscheidende Klärung ist in der Körperpsychotherapie Forschung eigentlich gar nicht möglich, denn es können gar keine überprüfbaren Hypothesen formuliert werden.

     

    2.3. Gegenstand der Körperpsychotherapie

    Die Körperpsychotherapie beschäftigt sich mit dem Menschen und nicht mit einem Gegenstand. Diese Bezeichnung scheint seinem Wesen, seiner Würde, und seiner Andersartigkeit zu widersprechen. Doch diese selbstverständliche Sicht der Einmaligkeit und der Ganzheit der menschlichen Person, mit der sich die Körperpsychotherapie beschäftigt, behindert auch klarere Einsichten in die Struktur und Organisation des Menschen. Wenn ich mir z.B. eine neue Armbanduhr kaufen will, muß ich neben der Preisfrage nur darauf achten, welche Uhr mir gefällt, mich anspricht und zu mir paßt. Es ist völlig zweitrangig, ob es sich um eine mechanische oder um eine elektrische Uhr handelt. Für den Uhrmacher ist dieser Unterschied aber von größter Bedeutung, wenn er meine Uhr reparieren soll. Er wird nichts bewirken, wenn er mit seinen Schraubenziehern, Zangen und Bohrern versucht, den Schaden zu beheben, aber die elektrischen Meßgeräte und Werkzeuge nicht glaubt, benutzen zu müssen. Bevor er mit der Reparatur beginnt, muß er die elektrische Struktur meiner Uhr feststellen.

    Für die körpertherapeutische Sicht ist der Mensch keine undifferenzierte Einheit, kein Topf, in den man etwas hineinsteckt und aus dem dann irgend etwas gekocht, kalt oder heiß wieder heraussprudelt. Er ist ein System unterschiedlicher Komponenten mit den verschiedensten Aufgaben und auf unterschiedlichste Weise miteinander verknüpft.

    Ohne an dieser Stelle die Struktur des Menschen erschöpfend darstellen zu wollen, soll unterschieden werden zwischen seinen anatomischen und seinen funktionalen Strukturen:

    Zu den anatomischen Strukturen gehören Haut, Gewebe, Gehirn, Muskulatur, Skelett, Organe, Zellen, Moleküle, Atome, Elektronen. Jede dieser Strukturen ist eine Welt für sich mit einem sehr komplexen Eigenleben. Doch Sinn dieser Strukturen ist nicht ihr Eigenleben. Sie haben alle die Aufgabe, ein menschliches Wesen zu ermöglichen und dafür arbeiten sie miteinander, sind funktional verbunden und koordinieren ihre Aktivitäten. Da diese funktionale Vernetzung bedeutet, daß die einzelnen Elemente miteinander in Beziehung stehen, wird "Beziehung" zu einer elementaren Kategorie lebender Systeme.

    Für diese Koordination gibt es wiederum verschiedene Strukturen, wie z.B. Blut, Lymphe, Hormone, Nerven, Photonen . Diese funktionalen Strukturen versorgen die anatomischen Strukturen mit Arbeitsmaterial, Baustoffen und notwendigen Energien und sie müssen die Strukturen auch von ihren Abfallprodukten entsorgen. Die Regelung der Ver- und Entsorgungsaufgaben geschieht nicht durch eine übergeordnete Instanz, die Anweisungen schreibt und die Durchführung überwacht, sondern mit einem System der Selbstregulierung.

    Der Sauerstoffgehalt im Blut wird z.B. mit verschiedenen Sensoren gemessen. Wenn er unter einen bestimmten Wert sinkt, verstärkt die Brustmuskulatur ihre Tätigkeit oder der Kiefer reagiert mit tiefem Gähnen. Diese sogenannte Rückkopplung  kann chemisch, hormonal, neuronal, immunologisch oder energetisch organisiert sein.

    Nun sind all diese Selbstregulierungssysteme nicht nur in allen anatomischen Strukuren wirksam, sondern sie sind auch untereinander auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Es kommt zu einem unglaublich komplexen System von Regulierungsprozessen. Die Veränderung in einem einzigen Regelkreis durch Medikamente, Worte oder Körperinterventionen kann eine unbekannte Anzahl von Folgereaktionen nach sich ziehen, die vorher nur schwer abgeschätzt werden können. Mit diesen Regelprozessen versucht der Organismus, sich am Leben zu halten und die Lebensbedingungen zu optimieren.

    Um dieses Ziel erreichen zu können, gilt es nicht nur, ein gut funktionierendes System innerhalb des Organismus zu besitzen. Ebenso wichtig ist es, die Umwelt mit ihren Gefahren und Ressourcen wahrnehmen und angemessen nutzen zu können. Auch die sozialen Systeme mit ihren unterstützenden Funktionen, Regeln und Kontrollen dienen der Sicherung der individuellen Existenz. Soziales Leben, Beziehung und Kommunikation sind Strukturen für das Selbstregulierungssystem des menschlichen Organismus. Bindungen und Beziehungen sind notwendig, um Schutz und Unterstützung zu erhalten, wenn der eigene Organismus für die Bewältigung einer Aufgabe überfordert ist. Nur mit einem Menschen des anderen Geschlechts kann ich Nachkommenschaft haben und damit Unterstützung und Pflege, wenn ich selbst dafür zu gebrechlich geworden bin. Ein Mensch, der keine Beziehungen zu anderen Menschen herstellen und unterhalten kann, lebt gefährlich. Dies ist uns oft nicht mehr so bewußt, weil unsere gesellschaftlichen Strukturen selbst inzwischen so komplex und optimiert sind, daß Menschen mit Regulierungsstörungen zur Umwelt meist doch noch einigermaßen unterstützt werden und sicher überleben können. Natürlich mag es einige Gründe dafür geben, den Menschen neben seiner organischen Struktur auch als soziales und psychisches Wesen zu beschreiben. Doch alle Ebenen sind eng miteinander vernetzt mit dem einzigen Ziel, die eigene Existenz zu sichern und zu optimieren. Das beinhaltet auch die Sicherung der universellen Existenz, das Überleben einer Gesellschft und unseres Planeten.

    Es ist dieses unglaublich komplexe Selbstregulierungssystem innerhalb des Organismus mit seiner vielfältigen Vernetzung nach draußen, das wir in der Psychotherapie versuchen zu verstehen und zu beeinflussen. Die Behauptung, mit dem ´Menschen´ zu arbeiten, wenn auch ´ganzheitlich´, verschleiert eher die Realität, die hier zur Debatte steht. So gesehen wird vielleicht auch verständlicher, warum es in der Psychotherapie manchmal effektiver ist, wenig bis nichts zu tun, als sein ganzes Repertoire an Konzepten und Übungen zum Einsatz zu bringen: Nichts zu tun bedeutet dann manchmal, den Prozessen der Selbstregulierung so viel Raum zu geben, daß sie ihre Tätigkeit, sich selbst neu zu ordnen, wieder besser entfalten können.

     

    2.4. Der Mensch, ein nichtlineares System

    Mit der Beschreibung der menschlichen Struktur als selbstregulierendes System erscheint der Mensch als eine, wenn auch sehr komplexe Maschine. Aufgaben, die bei der Konstruktion gestellt werden, werden einfach abgearbeitet, für eventuell auftretende Störungen werden Lösungen in den Ablauf eingeführt. Es gibt nur voraus berechenbare  Aktionen. Das wesentliche ´Wenn-Dann`- Muster einer Maschine wird auch mit steigender Komplexität nie durchbrochen. Der Mensch als selbstregulierendes System hätte dann eine lineare Struktur, d.h. seine Verhaltensweisen könnten bis in die kleinsten Aktionen hinein  vorausgesagt werden. Es müßte nur gelingen, alle Regulationsmechanismen zu verstehen und zu kontrollieren.

    Ist das System aber mit einem Zustand oder Problem konfrontiert, mit dem man bei der Konstruktion noch nicht rechnen konnte, dann gibt es dafür auch keine Lösung. Es kommt zu einem irreparablen Schaden. Humberto Maturana und Francesco Varela (Capra) zeigen nun aber schon seit über 30 Jahren mit ihren systemtheoretischen Ansätzen, daß sich genau an diesem Punkt lebende von nichtlebenden Systemen unterscheiden. Lebende Systeme schaffen ihr eigenes Regelwerk, können die Selbstregulierungsprozesse selbst verändern  (Capra,S.115 ff).

    Die Selbstregulierung sieht z.B. vor, daß Menschen bei zu starker Sonneneinstrahlung den Schatten suchen. Wenn wir aber permanent die Sonne meiden, werden wir nicht braun. Braun werden müssen wir aber, um mindestens so gut auszusehen wie die anderen Männer oder Frauen, mit denen wir um die besten Liebes- und Lebenspartner konkurrieren. Um trotzdem in der Sonne bleiben und braun werden zu können, müssen wir das System der Selbstregulierung selbst verändern. Also haben wir Sonnenschutzcremes erfunden. Der Regelkreis "Sonne > Hitze > Schatten" wird in uns als Gedanke oder Bild dargestellt, ein Fenster wird geöffnet und wir können sozusagen ein neues Programm schreiben, das nun heißen könnte: "Sonne > Hitze > Sonnencreme, Schutzfaktor 25 > Sonne".

    Andere Regelkreise in unserem Organismus können wir durch die Atmung, durch Konzentration, Meditation, Nachdenken, usw. beeinflussen, viele solcher Veränderungen werden wir wahrscheinlich überhaupt nicht wahrnehmen.

    Damasio beschreibt diesen Prozeß auch auf der neuronalen oder geistigen Ebene, indem er zeigt, daß der Organismus körperliche Empfindungen, z.B. Lust oder Schmerz , als Bilder, Vorstellungen und Gefühle im Bewußtsein auftauchen läßt. Diese Repräsentation der Körperprozesse öffnet gleichsam ein Fenster, in dem dann ein Regelsystem mit Denken und Überlegung verändert werden kann. (Damasio, S.130ff.)

    Wenn ein System seine Regelkreise aber selbst verändern kann, und wenn nicht genau definiert ist, wie diese Veränderungen aussehen werden, dann handelt es sich um ein „nicht lineares" System, für das Voraussagen über sein Verhalten, seine Entwicklung prinzipiell nicht mehr möglich sind. Beobachtungen, die an diesem System gemacht werden, kann man nicht zwingend auf andere Systeme gleicher Struktur übertragen. Obwohl sich 1000 Menschen an einem Strand in der Sonne rösten lassen, kann es sein, daß die nächsten 100 Menschen sich einen Sonnenschirm holen, ein Hemd überziehen oder erst gegen Abend den Strand aufsuchen.

    Vielleicht ist die Evolution des Lebendigen, besonders auch die des Menschen in einer sich verändernden Umwelt nur durch die Fähigkeit möglich geworden, selbstregulierende Prozesse zu stoppen und für neue Lösungen zu sorgen.

     

    2.5. Das Leib - Seele Problem in der Körperpsychotherapie

    Die Einheit von Seele und Leib scheint in der Körperpsychotherapie ein fest verankerter Grundsatz zu sein, der meist mit dem Begriff  der "Ganzheitlichkeit" ausgedrückt wird. Wenn aber über die therapeutische Arbeit gesprochen wird, geht es dann doch immer wieder um "seelische" und um "körperliche" Prozesse. Sie werden voneinander unterschieden, es wird darüber nachgedacht, ob Symptome der einen oder anderen Seite zuzuordnen sind, oder wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Trennendes wird deutlicher als die Ganzheitlichkeit.

    Ganzheitlichkeit erscheint als eine Verbindung zwischen biologischen Phänomenen und irgend etwas anderem, was es geben soll, aber anders ist als Körperliches. Es erscheint als etwas Erfahrbares, aber nicht wirklich beschreibbar - das Seelische. So unbestimmt es auch sein mag, es darf nicht aufgegeben werden, weil das menschliche Wesen sonst wieder in seine materialistische Existenzsweise zurückfallen und seine spezifisch menschliche Würde verlieren könnte.

    Wenn der Körperpsychotherapeut versucht, die lebendigen Prozesse auf der Basis physiologischer Phänomene zu beschreiben, muß er auf jeden Fall neu über das Leib-Seele-Verhältnis nachdenken, denn er findet in diesen materiellen Strukuturen kein Organ "Seele".

    Von seelischen Dingen erfahren wir nur etwas über bestimmte körperliche Prozesse. Daß ein Mensch traurig ist, wird uns erst gewahr, wenn er seine Gesichtsmuskeln in einer bestimmten Weise spannt oder losläßt, die Augen anders schauen läßt, eine bestimmte Haltung einnimmt oder  seinen Gang ändert. Auch die inneren Bilder sind nur möglich, wenn die neuronale Struktur in unserem Gehirn dazu in der Lage ist, sie zu erzeugen und zu interpretieren

    Es gibt kein einziges Gefühl, keine psychische Regung, die ohne körperliche Aktivität möglich und vorstellbar wäre.

    Natürlich widerlegt die Tatsache, daß das Seelenleben den physischen Körper braucht, um sich auszudrücken, nicht die Hypothese, daß es dieses ganze andere, die Seele unabhängig vom Körper gibt. Von ihr läßt sich aber nur in Bildern und Vorstellungen sprechen, auf der Ebene des Psychischen. Die Körperebene, mit dem Versuch, Lebensprozesse zu beschreiben und zu verstehen, muß man dabei verlassen. Vieles von dem, was im lebendigen Organismus durch Wechselwirkungen und Vernetzung entsteht, kann nicht mehr in den Blick geraten.

    Körperpsychotherapeutishe Forschung sollte deshalb offene Fragen über therapeutisches Geschehen nicht mit "seelischen" Kategorien beantworten, sondern geduldig nach den realen Prozessen in und außerhalb von unserem Orgnismus suchen und bereit sein, auch längere Zeit ohne Antworten auszukommen.

    Als körpertherapeutisches Modell für die Leib-Seele- Einheit könnte man die "Theorie lebender Systeme" von Fritjof Capra nutzen, in der er die Konzepte vom "Organisationsmuster" und der "Struktur" von Varela und Maturana zu einer  neuen Synthese zusammenfaßt:

    1. Jedes lebende und nicht lebende System wird wesentlich bestimmt durch die Art der Anordnung oder der Beziehung der einzelnen Teile. "Damit etwas ein Fahrrad genannt werden kann, muß es eine Reihe funktionaler Beziehungen zwischen Bestandteilen geben, die man Rahmen, Pedale, Räder, Kette, Zahnkranz usw. nennt. Die vollständige Anordnung dieser funktionalen Beziehungen stellt das Organisationsmuster des Fahrrads dar." (Capra, S. 182).

    2. Jedes lebende und nicht lebende System hat eine Struktur. "Die Struktur eines Systems ist die materielle Verkörperung seines Organisationsmusters." (Capra, S. 182) Mit der Struktur wird die Substanz, die Form und die Quantität des Systems beschrieben. So läßt sich ein Fahrrad aus verschiedenen Materialien herstellen, es kann unterschiedliche Formen annehmen, unterschiedliche Gewichte haben usw.

    Bei nicht lebenden Systemen werden die unterschiedlichen Teile separat hergestellt und dann zusammengebaut. "Bei einem lebenden System dagegen verändern sich die Bestandteile ständig. Durch einen lebenden Organismus verläuft ein unaufhörlicher Materiefluß. Jede Zelle stellt unablässig Strukturen her, löst sie wieder auf und beseitigt die Abfallprodukte. Gewebe und Organe ersetzen ihre Zellen in kontinuierlichen Zyklen. Da findet Wachstum, Entwicklung und Evolution statt. Deshalb ist in der Biologie das Verstehen lebender Strukturen von Anfang an untrennbar mit dem Verstehen von Stoffwechsel- und Entwicklungsprozessen verbunden." (Capra, S. 183)

    Capra nennt diese Eigenschaft lebender Systeme "Prozeß".  Dieser ständige Prozeß bewirkt die Verkörperung von Muster und Struktur, schafft Leben und erhält lebendige Systeme. Er entspricht dem Geist Gottes aus der Bibel, der Leben stiftet und er beschreibt die lebenstiftende oder ´beseelende` Macht des Seelischen. Bei Capra ist dieser Prozeß aber ein Strom biologischer, chemischer, physiologischer Prozesse, die vielleicht bis in die subatomare Welt hinein reichen.   Es ist ein Strom, der im lebenden Organismus fließt, der seine Resourcen aber auch von außen holt in Gestalt von Nahrung, Sauerstoff, Licht, Energie usw. und  Produkte dieser Verkörperung als Abfall aber auch als Informationen, Leistungen geistiger, kultureller Art usw. nach draußen  abgibt.

    Wird die belebende Kraft lebender Systeme auf diese Weise als Prozeß beschrieben, kann sie mit den körperlichen Kategorien beobachtet, manchmal vielleicht sogar gemessen werden. Die  Beschreibung lebendiger Systeme mit den Kategorien Muster, Struktur und Prozeß, zeigt sie als eine untrennbare Einheit. Man kann sie zwar getrennt denken, aber nie voneinander unabhängig beobachten.

    Beschreiben sie wirklich weniger als das, was mit den Kategorien von Körper, Geist und Seele ausgesagt werden soll?

     

    2.6. Die Bedeutung der Beziehung in der Körperpsychotherapie

    In der Diskussion um die Weiterentwicklung der Bioenergetischen Analyse wird die Bedeutung der Beziehung für den psychotherapeutischen Prozeß immer wieder in einen Gegensatz zur Körperarbeit gestellt: Nicht die Körperinterventionen bringen therapeutischen Nutzen, sondern allein Art und Intensität der Beziehung zwischen Patient und Therapeut. Unter dieser therapeutischen Beziehung werden meist die Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene verstanden, die dann betrachtet, verarbeitet und verstanden werden sollen. Diese Argumentation legt die Vermutung nahe, daß die Körperpsychotherapie mit ihrer Sicht- und Arbeitsweise nicht auskommt. Sie muß sich das Konzept der Beziehungsarbeit von anderen Therapieschulen ausleihen, um effektiv arbeiten zu können.

    Beziehung ist ein so fester und selbstverständlicher Bestandteil psychotherapeutischer Arbeit geworden, daß kaum noch danach gefragt wird, warum das so sein soll und was Beziehung eigentlich ist, wie sie funktioniert und was sie bewirkt. Will die Körperpsychotherapie ein Beziehungskonzept in ihre Sichtweise integrieren, dann muß sie nach einem biologischen oder physiologischen Verständnis von Beziehung suchen.

    Menschliche Wesen können in dieser Welt nur schwer, wenn überhaupt ohne die Unterstützung anderer Menschen leben. Sie brauchen sie für Tätigkeiten, die sie alleine nicht bewältigen können, zur Fortpflanzung und zur Aufrechterhaltung ihrer inneren Sicherheit und Stabilität. Deshalb versuchen sie, mit anderen in Kontakt zu kommen, über sie Informationen zu erhalten über das, was sie von ihnen erwarten, inwieweit sie ihnen trauen können. Mit entsprechenden Informationen kann ein anderer Mensch dazu gebracht werden, die eigenen Bedürfnisse und Ängste zu verstehen und sein Verhalten darauf auszurichten. Er kann erreicht und beeinflusst werden. Befriedigender Informationsaustausch bringt die Beteiligten einander näher, sie werden Freunde, entwickeln eine enge, dauerhafte, positive Beziehung. Sie fühlen sich in dieser Welt sicherer, beschützt, usw.

    Beziehung kann daher als Kommunikation beschrieben werden: Ohne Kommunikation läßt sich zu keinem Menschen eine Beziehung herstellen.

    Die gebräuchlichste Form der Kommunikation ist das Gespräch. Mit Worten geben die Menschen Informationen weiter, um Beziehung herzustellen. Sie können meine Worte hören, verstehen und mir antworten.

    Eine spezifische Situation oder die Wünsche eines Partners kann aber auch dadurch bewußt werden, daß ein Menschen nur angeschaut wird. Man kann in seinem Gesicht sein Glück sehen, einem zu begegnen. Auf die gleiche Weise kann man ihm antworten - mit den Gesten des eigenen Körpers. Auf diese Weise kann man ohne Worte mit anderen Menschen kommunizieren und Beziehung herstellen.

    Die körperliche Berührung des Patienten ist in der Körperpsychotherapie ein umstrittenes Thema. Mit ihr kann man aber sehr schnell und klar Informationen übermitteln und empfangen.

    Manchmal bekommen wir von jemandem Informationen, ohne ihn zu hören, zu sehen oder mit ihm zu reden. Plötzlich weiß man einfach etwas über ihn, fühlt einen Druck, eine Erregung oder Depression im eigenen Körper. Dies kann mit Menschen geschehen, die ganz in meiner Nähe stehen oder sehr weit von mir entfernt sind. Manchmal hatte man jahrelang von ihnen nichts mehr gehört.

    Auch das ist eine besondere Art von Kommunikation, Übertragung von Informationen. Man kann sie mit dem System von Radio und Fernsehen beschreiben: Wenn Sender und Empfänger sehr exakt auf die gleiche Frequenz abgestimmt sind, kann es zu einer guten Informationsübertragung und Kommunikation kommen. In der menschlichen Kommunikation wird diese Abstimmung `Empathie` genannt. Wir sagen, daß wir auf einer ´Wellenlänge ´ liegen und uns deshalb gut verstehen. Mit solch einer Empathie kann man andere Menschen sehr tief berühren.

    Diese Art von Beziehung und Kommunikation ohne Worte, ohne den Partner zu sehen, ist nichts Geheimnisvolles sondern wird durch die Übertragung von Informationen möglich. Um so exakter die Einstellung zwischen beiden ist, um so besser sie in Resonanz sind, um so effektiver und tiefer ist das gegenseitige Verstehen und die Beziehung.

    Da der menschliche Organismus aber nicht nur aus Körper, Geist und Seele besteht, sondern auch aus Organen, Zellen, Molekülen, Atomen und subatomaren Teilchen, hat er eine biologische und physikalische Struktur. Diese physikalische Struktur verursacht auf der atomaren Ebene ein elektromagnetisches Feld mit einer Strahlung auf spezifischen Frequenzen - genauso wie in der Telekommunikation. Diese Strahlung kann sich in die Umgebung des Körpers ausbreiten und von anderen empfangen werden.

    Deshalb ist es keine nur metaphorische Art und Weise, wenn wir Beziehung ohne Worte und sichtbaren Kontakt mit dem Telekommunikationssystem vergleichen.

    Es scheint wirklich so zu sein, als könnten wir einen elektromagnetischen Kanal zu unserem Partner herstellen mit dem wir ihn mit unseren Ideen, Ansichten und Gefühlen auf einer sehr tiefen Ebene erreichen. Die ´sehr tiefe Ebene´ meint die zelluläre und die subatomare Struktur des Organismus. Diese physikalische oder elektromagnetische Information kann man Energie nennen.

    Das waren bislang sicher nur spekulative Ideen. Aber es gibt inzwischen Möglichkeiten, die Übertragung solcher Energien zu überprüfen. So ist z.B. die Übertragung von Energien von Heilern von Fritz A. Popp oder Dr. Elmer Green nachgewiesen worden (Kerner,S.65ff, S.79ff).

    Beziehung in der Psychotherapie ist also die erfolgreiche Kommunikation zwischen Therapeut und Patient, die Übertragung von verschiedenen, aber wichtigen Informationen. Es gibt verschiedene Kommunikationskanäle, verbale und non verbale. Alle sind aber körperliche Prozesse und sie berühren den Körper bis hinunter in den subatomaren Bereich hinein. Deshalb kann die Körperpsychotherapie nicht ohne Beziehung arbeiten und Arbeit mit der Beziehung ist nichts grundsätzlich anderes als Körperarbeit in der Psychotherapie

     

    3. Wissenschaftstheoretische Folgen für die Körperpsychotherapie.

    Aus der Erörteruung

    • · der derzeitig favorisierten wissenschaftstheoretischen Positionen,
    • · der Bedeutung der nichtlinearen Wirklichkeit,
    • · des prinzipiellen Unterschieds zwischen psychischer und körperlicher Ebene,
    • · der Einheit von Subjekt und Objekt des Erkennens,
    • · der Bedeutung von "Beziehung" in der Körperpsychotherapie,
    • · eines biologischen Modells der Körper - Seele- Einheit,

    ergeben sich Kriterien, nach denen die Körperpsychotherapie ihre Konzepte beschreiben, entwickeln und überprüfen kann:

    1. Alle Beobachtungen, Hypothesen und Theorien müssen so eindeutig formuliert werden, daß sie, auf welche Weise auch immer, verifiziert oder falsifiziert werden können.

    2. Die Körperpsychotherapie beschreibt ihre Hypothesen neben der psychischen Ebene vor allem auch auf der Ebene von Anatomie, Physiologie, Physik und benutzt deren Begriffsdefinitionen.

    3. Die Ebene des Psychischen mit ihren Bildern und Erlebnissen hat für menschliches Leben und damit auch für die psychotherapeutische Arbeit große Bedeutung. Auf dieser Ebene geschieht u.a. Kommunikation zwischen Menschen und gegenseitiges Verstehen.

    4. Diese psychischen Erfahrungen werden aber verstanden als die Summe von physiologischen und biologischen Prozessen. Ohne funktionierende Körperprozesse ist psychisches Erleben nicht möglich. Psychische Veränderungen modifizieren immer auch physiologische Parameter. Umgekehrt können veränderte Körperfunktionen zu veränderten psychischen Erfahrungen führen.

    5. Da der Mensch eine sehr differenzierte Struktur besitzt, muß untersucht und beschrieben werden, auf welchen Ebenen jeweils die initiierten oder beobachteten Prozesse ablaufen. Nur wenn klar ist, ob es sich z.B. um neuronale, hormonale, immunologische, energetische Prozesse handelt, können sie genauer beobachtet, beschrieben und überprüft werden.

    Abgesehen von der notwendigen Klärung, was in der Körperpsychotherapie unter "Energie" verstanden werden soll, macht die differenzierte Betrachtungsweise der menschlichen Struktur deutlich, daß es sich nicht nur um energtische Prozesse handeln kann, die in der Körperpsychotherapie wirksam werden. Oder es müßte ein Energiesystem beschrieben werden, das alle Prozesse auf den unterschiedlichen Ebenen in gleicher Weise organisiert und strukturiert und auf das wir modifizierenden Einfluß haben.

    6. So wichtig gute Beschreibungen und Überprüfungen psychotherapeutischer Hypothesen sind, sie können nie objektiv sein, den Charakter von ewigen Naturgesetzen bekommen. Die derzeit gebräuchlichen wissenschaftstheoretischen Positionen erlauben solche Schlußfolgerungen grundsätzlich nicht.  Vor allem werden durch die Beschreibung des Menschen als ein komplexes und nichtlineares System alle Voraussagen prinzipiell unmöglich.

    7. Die Körperpsychotherapie konfrontiert ihre Hypothesen mit der individuellen Person, mit der sie arbeitet. Verhält sich die Person nicht nach den Erwartungen der Hypothese, entsteht zwischen beiden eine Differenz. Genau diese Differenz kann zum wichtigen Erkenntnisgewinn im therapeutischen Prozeß werden. Die Objektivierung  der Hypothesen ist daher für die therapeutische Arbeit nicht entscheidend. Sie ist eher Hilfsmittel denn Maßstab.

    8. Die Erfahrungen, Bilder und Meßergebnisse, die wir bei den Beobachtungen von Wirklichkeit und Leben außerhalb von uns machen, werden von unterschiedlichen  biologischen Gegebenheiten oder Lebenserfahrungen bestimmt und auch verändert. Subjekt und Objekt der Erkenntnis sind nicht voneinander zu trennen, ein einheitliches Ganzes. Die Versuche, eine objektive Welt wahrnehmen zu können, führen notwendiger Weise zu einer Spaltung von Wirklichkeit, machen auch die gesuchte Objektivität unmöglich. Da der psychotherapeutische Prozeß gerade in der Interaktion und Kommunikation zwischen Therapeut und Patient, zwischen Beobachter und Beobachtetem besteht, darf dieser Prozeß  nicht gespalten werden. Psychotherapieforschung muß Methoden entwickeln, genau diese Ganzheit zu erfassen und zu beobachten.

    9."Beziehung" ist integraler Bestandteil körperpsychotherapeutischer Theorie und Praxis, weil sie zum Informationsaustausch zwischen Menschen und zur Umwelt konstitutiv ist. Ohne Information und Beziehung ist Orientierung, Veränderung und Entwicklung nicht möglich. Beziehung ist Bestandteil körpereigener  Selbstregulationsprozesse.

    10. Gerade biologische Modelle des Verhältnisses von Körper, Geist und Seele machen es möglich, den Menschen als Einheit und Ganzheit zu sehen und zu begreifen

     

    Literatur

    Bischof, Marco, Biophotonen, Das Licht in unseren Zellen, 1995, Verlag 2001

    Capra, Fritjiof, Lebensnetz, 1996, Scherz - Verlag

    Chalmers, A.F., Wege der Wissenschaft, 4.Aufl.,1999, Springer - Verlag

    Damasio, Antonio R., Descartes` Irrtum, 2.Aufl. 1996, Verlag List

    Kerner, Imre und Dagny, Heilen, Wie Heilen wirkt, Energiesystem des Menschen, Heilen ist erlernbar, Heiler im Test, Kiepenheuer & Witsch, 1997

    Kriz, Jürgen, Perspektiven zur "Wissenschaftlichkeit" von Psychotherapie, in: Hermer.M.(Hrsg.), Psychotherapeutische Perspektiven an der Jahrtausendschwelle, Tübingen, DGVT - Verlag, 2000

    Mahr, Rainer, Das Konzept der Orgonenergie von Wilhelm Reich, in: Forum der Bioenergetischen Analyse, 1/97, S.69 - 75

    Schrödinger, Erwin, Geist und Materie, Zürich 1989

 

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