© Rainer Mahr

Was bleibt von der Seele?  -  Die Einheit von Körper, Seele und Geist nach der neurobiologischen Wende.

 

Sie fühlen sich depressiv? Frage nach den Ursachen? Nein, es hat nichts mit ihrer Beziehungskrise zu tun oder mit der Nichtbeachtung am Arbeitsplatz.Es ist der Serotoninmangel in ihrem Hirn. Die Chemie in den Nervenzellen ist nicht im Gleichgewicht. Da hilft keine Ursachenforschung – der Serotoninspeicher muss wieder aufgefüllt werden.

Sie überlegen sich, wie sie glücklicher werden können. Da gibt es zwei Möglichkeiten: sie suchen sich eine neue, aufregende Liebesbeziehung oder sie treiben mehr Sport – joggen z.B., jeden Tag eine Stunde bei Wind und Wetter. In beiden Fällen werden sich ihre Speicher im Hirn mit Glückshormonen füllen. – Also es ist doch gar nicht so schwer, glücklich zu werden. Man braucht noch nicht einmal den passenden Partner – nur ein paar gute Laufschuhe.

Manchmal begegnen wir Menschen, die bleiben völlig cool, wenn sie andere leiden sehen, die spüren überhaupt nicht, wie sie kränken, wenn sie sich über Misserfolge anderer lustig machen. Erklären sie solches Verhalten bitte nicht mehr mit einer schlechten Kinderstube. Die Spiegelneuronen in Hirn sind dafür verantwortlich und offensichtlich nicht ausreichend entwickelt oder schlecht gewartet.

Wenn das alles stimmt, was uns mit den unterschiedlichen Medien immer wieder berichtet wird, dann sind unsere Gefühle, alles Seelische, die Psyche, unsere Ideen, unser Geist, das Bewusstsein, der freie Wille nichts anderes als chemische Reaktionen, das Ergebnis von zu viel oder zu wenig von dieser chemischen Substanz oder jenem Hormon.

Das würde aber heißen: Alles, was uns lieb und heilig ist, was unser Leben sinnvoll und schön sein lässt, was unsere Identität ausmacht – nämlich gefühlvolle, geistreiche und verantwortungsvolle Menschen zu sein – ist Lug und Trug.

Wie können wir mit dieser Erkenntnis leben? Wie kann ein Paar die Einsicht ertragen, dass ihr Kennenlernen, dieser wunderbare Augenblick, sich zu sehen und füreinander zu entscheiden, eine Frage ihres Hormon- und seines Testosteronspiegels war?

Mit solchen Erkenntnissen aus den neurobiologischen Labors gerät aber nicht nur unsere individuelle Identität in eine Krise, für die wir einen Ausweg brauchen.

Das Selbstverständnis des Menschen selbst, die Krone der Schöpfung zu sein, sich mit seiner Seele, seinem Geist, Verstand und Bewusstsein von der tierischen und pflanzlichen Welt zu unterscheiden, bekommt einen gewaltigen Knick. Menschliches und tierisches Hirn funktionieren auf sehr ähnliche Weise. Da gibt es nichts mehr außerhalb der materiellen und biologischen Welt.

Diese Diskussion ist nicht neu. Schon Aristoteles soll die Existenz einer eigenständigen Seele geleugnet haben. Immer wieder wurden gerne berühmte Chirurgen aus dem 19. und 20 Jahrhundert mit ihrer Bemerkung zitiert, dass sie schon so viele Menschen operiert, aber neben Herz, Leber, Lunge nie eine Seele gefunden haben.

Da ich selbst als Körperpsychotherapeut in der Tradition von Wilhelm Reich stehe, ist mir seine Auseinandersetzung mit Sigmund Freud über sein wichtiges Buch, „Die Funktion des Orgasmus“ sehr nahe. Reich versucht in diesem Buch die Bedeutung von biologischen Prozessen für die Welt des Psychischen zu betonen. Freud kritisiert diesen Ansatz mit der Bemerkung: „Kultur hat Vorrang vor der Natur“. Er fürchtet, dass die psychischen und geistigen Fähigkeiten des Menschen, die ihn in der Welt so einzigartig haben werden lassen, abgewertet werden, er am Ende nur noch als eine Spielart der animalischen Welt erscheint und sich auch so zu verhalten beginnt.

Solche Vorstellungen wurden bisher nur von Minderheiten vertreten, von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert oder diskriminiert. Dies hat sich mit dem riesigen Erfolgskurs der Neurowissenschaften verändert. Täglich erfährt man mehr über die Wechselwirkung zwischen dem Geschehen in unserem Gehirn und dem psychischen und geistigen Erleben eines Menschen. Die Neurowissenschaften drohen das Bild von uns, unseren Fähigkeiten und unserer spezifischen Bedeutung in der Welt und in unserem Universum nachhaltig und endgültig in Frage zu stellen.

Wenn sich all diese Befunde im Kern bestätigen sollten, wenn sich die vielfältigen Folgerungen im Bewusstsein der Menschen durchsetzen, dann befinden wir uns gerade in einer kopernikanischen Wende.

Im 16. Jahrhundert hat Kopernikus festgestellt, dass die Sonne sich nicht um die Welt dreht, dem Mittelpunkt des Universums, sondern dass die Erde sich als ziemlich kleiner Planet um die Sonne dreht. Das hat das Weltbild der Menschheit erschüttert und auf den Kopf gestellt. Es hat bei vielen Menschen große Krisen ausgelöst. Mancher Vertreter dieser neuen Weltsicht ist auf dem Scheiterhaufen gelandet. Inzwischen können wir mit diesem Weltbild aber ganz gut leben.

Nun könnte diese neurobiologische Wende auch unser Menschenbild in Frage stellen, dem Menschen die Kaiserkrone vom Kopf stoßen und ihn in die unglaublich große Vielfalt des Lebendigen einreihen. Sein Platz wäre nicht mehr außerhalb oder am Ende dieses gigantischen Schöpfungsgeschehens im Universum, sondern in ihm irgendwo – aber auch mitten drin.

1. Was ist von den vielen neuen Informationen zu halten, die immer wieder auf uns einstürmen.

  • Die manchmal beunruhigende Botschaft über das Verhältnis von körperlichen und seelischen Prozessen, das uns über die Medien nahe gebracht wird, lautet: Mit chemischen Substanzen, den sog. Botenstoffen oder Transmittern und mit Hormonen wird das psychische Erleben gesteuert oder sogar kreiert. Die Frage, ob sich das wirklich so verhält, muss mit einem klaren Ja und Nein beantwortet werden.

Zwar stimmt es, dass diese Botenstoffe in den Hirnaktivitäten eine große Rolle spielen. Aber das Hirn ist kein Lager mit unterschiedlichen Gefäßen, in denen chemische Substanzen aufbewahrt sind, mit denen man dann je nach Bedarf, eine bestimmte Menge in den Körper fließen lässt, damit das Glück steigt, die Depression abnimmt, der Mann sich endlich in die Frau verliebt, die schon so lange um ihn wirbt.

Die wesentliche Funktion dieser Botenstoffe besteht darin, die elektrischen Impulse einer Nervenzelle auf die nächste Nervenzelle zu übertragen. D.h. der elektrische Impuls setzt eine bestimmte Menge Botenstoffe frei, die dann durch die Zellmembran der nächsten Zelle wandert und dort wieder in elektrische Impulse zurückverwandelt wird oder die Zelle direkt in der gewünschten Weise beeinflusst.

 

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Dies zeigt, dass die eigentliche Botschaft, ein  Verhalten, eine Stimmung in dieser oder jener Richtung zu verändern von den elektrischen Impulsen der Nervenzelle kommt und nicht von der  chemischen Substanz selbst. Andererseits: Wenn keine oder nicht genügend Botenstoffe vorhanden sind, kann der Impuls nicht an den Bestimmungsort gelangen.

Dies lässt sich gut an der Funktion unserer Muskel aufzeigen, mit denen wir es ja tag und nacht zu tun haben:

Ein Muskel besteht aus vielen dünnen Fasern mit vielen Muskelzellen. In jeder Muskelzelle liegen Fasern parallel und jede ist in der Mitte unterbrochen. Dazwischen liegt ein anderes Stück mit vielen kleinen Köpfen an jeder Seite. Wenn der Muskel sich bewegen soll, heften sich die Köpfe an die parallel liegenden Muskelfasern und knicken um. Dadurch werden die parallelen Muskelfasern ein kleines Stück zusammengezogen. Wenn nun viele solcher Fasern koordiniert arbeiten, summiert sich die Bewegung zu einer starken Kraft.

 

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Damit es aber zu dieser Bewegung kommen kann, müssen verschiedene Bedingungen erfüllt sein:

1. In der Zelle muss es genügend Energie geben. (Ohne Sprit fährt das beste Auto nicht). Diese Energie wird durch die Nahrung gewonnen, heißt dann am Ort des Geschehens ATP.

2. Die Zelle braucht einen Befehl, dass sie ziehen soll, wie stark und wie lange. Solche Befehle erteilt das Gehirn. Dieser Impuls geht aber erst in einen Speicher mit Botenstoffen. Diese Botenstoffe schütten dann eine bestimmte Menge Calcium in die Zelle und dieses Calcium lässt die Köpfe an den Fasern haften und die Knickbewegung wird ausgeführt. Das Calcium ist zusätzlich in den Prozess eingefügt, um die Muskelbewegung zu dämpfen, die Bewegungen weicher und harmonischer zu machen.

Mit diesem Beispiel will ich auf folgende Dinge hinweisen:

1. Das Geschehen im Gehirn ist wesentlich komplexer als es das Modell – Bodenstoffspiegel hoch, schafft Glück, Spiegel runter Depression, suggeriert. Und natürlich ist es noch komplexer, als ich es in diesem Zusammenhang darstellen kann.

2. Die Speicher mit den Botenstoffen und Hormonen können noch so prall gefüllt sein. Ohne Befehl aus anderen Regionen des Gehirns oder woher auch immer, passiert nichts – wirklich überhaupt nichts.

3. Wenn umgekehrt die Speicher leer sind, kann das Gehirn Befehle geben so viel es will, es passiert nichts. Keine Gedanke, kein Gefühl, kein Wollen wird je das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Auch wenn die Energiespeicher leer sind durch Erschöpfung und Hungerzeiten kann das System nicht funktionieren.

4. Unabhängig von der Frage, ob es die Seele mit ihren Gefühlen als eigenständige Einheit in uns gibt oder nicht, ohne einen funktionierenden Körper kann sie sich nicht ausdrücken, können wir sie nicht wahrnehmen, kann sie nichts bewirken.

Ich kann die Traurigkeit eines Menschen nur sehen, wenn er seine Gesichtsmuskeln lockert und hängen lässt, seinen Gang verändert, seine Sprache verlangsamt usw. Selbst von seinen Nahtoderfahrungen weiß ein Mensch nur mit einem lebendigen, funktionierenden Körper. Nur mit ihm kann er diese Erfahrungen ausdrücken und uns mitteilen.

Wenn daher die neurobiologische Forschung z.B. zeigt, wie vielfältig der Cocktail an Botenstoffen ist, mit dem das Gefühl von Verliebtheit kreiert wird, dass er biochemisch gesehen einem Drogenrausch ähnelt, dann bedeutet das überhaupt nicht, dass diese Gefühle albern sind, Täuschung und Einbildung.

Wenn wir sagen, dass Gefühle, seelische Erfahrungen, aber auch geistige Aktivitäten nur mit körperlichen Prozessen, welcher Art auch immer, wahrgenommen, ausgedrückt und gelebt werden können, dann wissen wir immer noch nicht, ob und wo sie in uns ihren Platz haben. Zwar hat sich inzwischen die Vorstellung von der Einheit von Körper, Seele und Geist weitgehend durchgesetzt, aber beim Versuch, diese Einheit genauer zu beschreiben, hört die Einigkeit oft schnell wieder auf. Man könnte sich in uns einen körperlichen, seelischen und geistigen Sektor vorstellen, die alle miteinander kooperieren und trotzdem wären der seelische und geistige Sektor vom körperlichen völlig verschieden. Diese Vorstellung muss aber mit der Schwierigkeit fertig werden, dass solche Sektoren in der realen körperlichen Struktur eines Menschen nicht beobachtet werden. Mit den Erfolgen der neurobiologischen Forschung werden solche Überlegungen immer schwerer zu begründen.

 

Eine andere Vorstellung von der Einheit von Körper, Seele und Geist meint damit das Einssein von Körper, Seele und Geist. In der wissenschaftlichen Diskussion, wahrscheinlich seit Wilhelm Reich, nennt man das die „funktionale Identität von Körper, Seele und Geist“ Auf „Deutsch“ müsste man sagen, dass es die Seele und den Geist als eigenständige Einheit, einem Organ ähnlich, nicht gibt. Aber das würde unser Menschenbild, mit allem, was uns an ihm lieb und teuer ist, mit den intensiven Gefühlen, emotionalen Erfahrungen, schönen, klugen Gedanken und genialen Ideen kräftig erschüttern.

2. Das Modell der Selbstregulierung

Wenn wir uns eine Vorstellung von diesem Einssein von Körper, Seele. Geist machen wollen, kann es hilfreich sein zu beschreiben, wie die vielen Einzelteile in einem Körper miteinander funktionieren, kooperieren und wozu:

Ein Mann, Mitte 50, sucht seit längerer Zeit erfolglos einen neuen Partner. Seine sexuellen Bedürfnisse befriedigt er in dieser Zeit selbst. Als dabei aber eines Tages seine gewohnten Fantasien ausbleiben, gerät er in Panik. Was soll werden, wenn nun auch noch seine sexuelle Lust ausbleibt, die immer ein großer Teil seiner Lebensfreude war? Er konsultiert einen Arzt, der einen erheblichen Testosteronmangel diagnostiziert und die Behandlung mit einem Testosteronpräparat vorschlägt. Doch trotz wochenlanger regelmäßiger Einnahme steigt der Testosteronspiegel nicht an. Was ist geschehen?

Ganzheitlich betrachtet macht es durchaus Sinn, wenn der Spiegel sinkt und die Lust abnimmt. Weniger unbefriedigte Lust, für die es keinen Partner gibt, vermindert auch Frust und Leid. Wenn der Körper nun den abgesenkten Testosteronspiegel misst, stellt er fest, dass er durch die Medikamente immer noch zu hoch ist und senkt ihn weiter ab. Der Organismus versucht den Spiegel im Interesse des Mannes zu senken, das rationale Denken des Mannes versucht ihn mit Hilfe des Arztes zu steigern. Beide Akteure bleiben erfolglos.

Der Organismus regelt sich selbst und verfolgt das Ziel, Wohlbefinden auf einem Niveau zu erreichen, das aufgrund der Lebenssituation möglich ist.

Unser Organismus besteht aus unglaublich vielen solcher Selbstregulierungsmechanismen, die auch auf vielfältige Weise miteinander verbunden und ineinander verschachtelt sind. Versuche ich von außen, dieses System gezielt zu verändern, dann muss ich auch alle Untersysteme kennen und wissen, wie sie miteinander wirken – eine sehr schwierige bis unmögliche Aufgabe.

Ziel dieses Selbstregulierungssystems ist immer, das Überleben des Organismus zu sichern und zu optimieren. Dieses System wirkt nicht nur zwischen unseren Organen Leber, Herz, Lunge usw. sondern auch auf die Ebene der Zellen und möglicherweise auch auf die subatomare Ebene, die Welt der Atome, Photonen, Elektronen, nach draußen in die Welt der Natur (durch Anpassungen an Klima, Nahrungssituation) und in die soziale Welt. Das innere System reguliert sich so, dass es von anderen Systemen – Menschen - akzeptiert, geliebt, beschützt und unterstützt wird

 

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Die meisten Regulierungsprozesse sind uns allerdings nicht bewusst – und das aus gutem Grund. Müssten wir ganz bewusst und „manuell“ unseren Atem oder die Körpertemperatur regulieren, wir wären 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, hätten kaum Zeit für andere Dinge und würden das Atmen auch schon mal vergessen, wenn wir interessantere Dinge zu regeln haben. Unser Organismus hat die Tendenz, alles, was normal läuft, ins sogenannte Unbewusste zu verschieben. Da bleibt mehr Zeit und Kapazität für die schönen Dinge des Lebens.

Diese Beschreibung menschlichen Lebens kommt ihnen vielleicht sehr mechanisch vor. Ist der Mensch wirklich nichts anderes als eine sehr geniale und komplizierte Maschine?

Das Besondere und Geniale an dieser Menschenmaschine ist aber, dass es diese Regelkreise selbst verändern kann.

Wie der menschliche Organismus das macht, will ich an einem einfachen Beispiel zeigen: Wenn es einem Menschen im Sommer zu heiß wird, beginnt er zu schwitzen. Droht die Sonne die Haut zu verbrennen, setzt er sich einen Hut auf oder geht in den Schatten. Das ist die Wirkung der Selbstregulierung, die Körpertemperatur auf einem Niveau zu halten, das Haut, Zellen und Organe nicht schädigt. Wenn sich dieser Mensch auf diese Art und Weise vor der starken Sonnenstrahlung schützt, wird er nicht braun. Ist er aber blass, wirkt er nicht gesund, ist für die Suche nach einem Liebespartner in unserer Kultur nicht attraktiv. Er muss einen Weg finden, sich vor Sonnenschäden zu schützen und trotzdem braun zu werden. Die Lösung ist die Erfindung von Sonnenschutzcremes in den unterschiedlichsten Stärken. D.h. das alte Muster wurde verändert von „Körpertemperatur steigt, gehe in den Schatten“ zu „ Körpertemperatur steigt, creme den Körper gut mit Sonnencreme ein und bleibe in der Sonne braten“.

Doch wie macht das unser Organismus?

Erst einmal sammelt er eine ganze Menge Daten: misst die Körpertemperatur im Innern, auf der Haut, im Kopf, zeigt an, dass das körpereigene Kühlsystem, das Schwitzen, nicht mehr ausreicht. Dann sammelt er Daten über die Bedingungen, um von anderen jungen Menschen gesehen zu werden und attraktiv zu gelten. Diese Daten werden bewertet, d.h. Es wird festgestellt, dass es schon sehr wichtig wäre, sie zu erfüllen. Sonst gibt es wenige Chancen auf eine Partnerschaft, Familie, Kinder, Unterstützung im Alter. Also muss ein neues Verhaltensmuster installiert werden. Dafür werden all diese Daten zu einem Bild, zu Vorstellungen zusammengefasst und mir auf einem inneren „Bildschirm“ präsentiert. Das Besondere an diesem Bildschirm ist, dass er nicht nur Bilder produziert, sondern auch Gefühle, sogar Gerüche. Zu unserem Beispiel könnten die Gefühle Lust und Sehnsucht passen. Das alte Verhaltensprogramm mit allen aktuellen Messdaten wird aus der Versenkung geholt und wir können es bewusst wahrnehmen. Wir merken, dass das alte Programm nicht den aktuellen Anforderungen gewachsen ist. Es muss etwas Neues her. Also beginnt das Hirn verschiedene Möglichkeiten durchzuspielen , bis dann die eine oder andere Lösung auf dem Bildschirm erscheint, es wird eine Idee produziert. Auf die gleiche Art und Weise wird diese Idee in die Tat umgesetzt, als neue Verhaltensweise in die Selbstregulation eingebaut. Zukünftig denken wir uns gar nichts mehr dabei, immer Sonnencreme zu benutzen, wenn wir ein paar Sonnenstrahlen am Himmel entdecken.

3. Was können unsere Bilder, Ideen, seelischen Erfahrungen für uns noch bedeuten?

Mit unseren Gefühlen, Fantasien, ja mit dem ganzen psychischen Erleben wird uns unsere körperliche Situation vergegenwärtigt, damit wir Ideen und Optimierungsprogramme entwickeln können. Unser Seelenleben ist demnach abhängig von den körperlichen Prozessen. Oder man kann auch sagen, das körperliche Geschehen produziert das Seelenleben erst, was eine Abwertung des Seelischen bedeuten würde. Denn diese Vorstellung steht in grassem Widerspruch zu der Überzeugung, dass der Körper nur das Haus für die Seele, diese aber das Eigentliche eines menschlichen Lebens ist, leider diesen anfälligen und schwerfälligen Körper braucht.

Wenn aber die menschlichen Lebensprozesse so reguliert und gepflegt werden, wie es beschrieben wurde, dann ist dieses Leben ohne psychisches Erleben überhaupt nicht möglich. Unabhängig von der Frage, welche Botenstoffe, Hormone oder sonstigen bekannten oder noch nicht bekannten biologischen Faktoren unser Leben bestimmen, wir müssen sie als Bilder und Gefühle in unsere Vorstellung bekommen, um sie verändern, neuen Anforderungen und Notwendigkeiten anpassen zu können.

Wenn plötzlich mein Blutdruck steigt, die Pulsfrequenz zunimmt, die Brust eng wird, dann muss ich das wahrnehmen und erst die Vorstellung entwickeln, dass mir vielleicht ein Herzinfarkt droht und ich dringend Hilfe brauche. Trifft mein Hilfe suchender Blick zufällig auf eine schöne Frau, erst dann kann ich begreifen, dass mir kein Infarkt droht, sondern dass ich mich gerade verliebt habe. Für eine richtige Entscheidung muss ich den Schmerz und die Sehnsucht spüren. Ohne diese Gefühle kann ich nicht wirklich gut denken und entscheiden.

Sie kennen sicher die Aufregung, wenn wieder einmal abgelehnte Asylbewerber abgeschoben werden sollen. Wie kann eine Behörde nur so hartherzig sein , Familien mit Kindern auseinanderreißen und ohne Perspektive in ein ihnen unbekanntes Land schicken?  Die Ausländerbehörde ist sich keiner Schuld bewusst. Sie hat nur nach Recht und Gesetz gehandelt. D.h. aber auch, die Entscheider haben ihre Gefühle nicht zugelassen und damit wichtige Informationen für eine bessere Entscheidung nicht berücksichtigt. Wir, die wir nicht in solch einer Behörde arbeiten, können mehr Informationen in Form von Gefühlen zulassen und kommen daher zu einer anderen Meinung über das, was hätte geschehen müssen.

Alle Lebewesen brauchen Zugang zu Gefühlen, um angemessene Entscheidungen treffen zu können. Wer keine Angst hat, lebt gefährlich, weil er drohende Gefahren nicht rechtzeitig wahrnimmt, wer seinen Hunger und Durst nicht spüren kann, wird seinen Körper schädigen, wer keine Lust und Sehnsucht spürt, wird es schwer haben, einen Partner zu finden.

Nicht umsonst ist in der katholischen Morallehre die oberste Instanz für Entscheidungen das eigene. Gewissen. Nur mit ihm gibt es Gewissheit über das für mich angemessene Verhalten. Es entsteht, indem ich alle verfügbaren Daten auf meinen inneren Bildschirm hole und für meine Entscheidung nutze. Wir nennen diesen Prozess meist Intuition oder „aus dem Bauch Entscheidungen treffen“. Diese Entscheidungsprozesse sind nicht nur genauer, sie sind auch schneller als unser intellektuelles Abwägen.

Den Zugang zu unseren Gefühlen zu pflegen und zu verbessern dient daher nicht nur einem schöneren Leben. Er ist von existentieller Bedeutung für unser individuelles Überleben und für den sozialen und gesellschaftlichen Frieden. Das gilt unabhängig von der Frage, ob es für diese Gefühle ein eigenständiges Substrat gibt, das einem Organ gleicht, oder ob sie Ausdruck eines körperlichen Prozesses sind.

4. Gibt es nachvollziehbare Vorstellungen über unser Bewusstsein und den sog. freien Willen?

Es wurde bisher dargelegt, dass körperliche Empfindungen, Wahrnehmungen wie sehen, hören, riechen, spüren usw. als Bilder und Vorstellungen unserem inneren Auge präsentiert werden, die wir dann als Gefühle erleben. Sie haben also eine große Nähe zu unserem Körper und nicht zuletzt deswegen werden sie auch oft abgewertet. Sie sind einfach zu unkontrolliert und animalisch. Die geistige Welt des Menschen, sein Denken, Bewusstsein, seine Identität und sein freier Wille wollen wir mit dieser Körperlichkeit nun doch nicht in Verbindung bringen.

Auf der anderen Seite ist aber auch unstrittig, dass wir diese Fähigkeiten nur besitzen, sie kennen und mit ihnen interessante Dinge tun können, wenn wir einen lebendigen und funktionierenden Körper besitzen. Die neurobiologischen Forscher zeigen uns nun auf vielfältige Art, dass diese geistigen Aktivitäten auch das Ergebnis von unglaublich komplexen Verbindungen unserer Nervenzellen sind, die sich gegenseitig informieren, mit anderen Organen und Institutionen in unserem Körper korrespondieren und zu bestimmten Entscheidungen kommen. All diese Aktivitäten werden uns auch wieder wie auf einem „Bildschirm“ präsentiert, sodass wir ein Bewusstsein von uns selbst bekommen.

So lässt sich z.B. mit entsprechenden Geräten zeigen, dass ganz spezifische Nervenzellen schon aktiv sind, bevor ein Mensch die Idee hat, dies oder jenes zu tun. Also nicht sein freier Wille entscheidet sich, eine Straftat zu begehen, sondern seine Nervenzellen haben schon vorher das Verhalten bestimmt. Daraus wird gefolgert, dass es einen freien Willen gar nicht gibt. Ich werde angetrieben und gesteuert von Nervenzellen, Hormonen oder gar von Genen. Mich für mein unflätiges Verhalten, für meine Verbrechen verantwortlich zu machen und bestrafen zu wollen ist reichlich unfair.

Alle menschlichen Regungen, seien sie körperlicher, seelischer oder geistiger Art dienen immer dem Ziel, unser Leben zu garantieren und zu optimieren. Deshalb kann es natürlich keinen freien Willen geben, der Entscheidungen zulässt, die diesem Ziel widersprechen. Über diese Einschränkung müssen wir auch nicht traurig sein, weil wir von solch einer Freiheit ohne Grenzen wirklich keinen Nutzen hätten. Dass es viele Lebensprozesse gibt, die von fest verankerten Verhaltensmustern gesteuert werden, kann uns nur recht sein. Sie erleichtern uns die Bemühungen, unser Leben zu bewältigen. Wenn diese Verhaltensmuster aber für unsere Lebenswirklichkeit keine angemessenen Antworten mehr sind, dann müssen sie verändert werden. Dafür haben wir unseren Verstand, unser Bewusstsein, wie schon beschrieben, und den freien Willen. Mit ihnen sind wir in die Lage, uns unbrauchbaren Verhaltensmustern zu widersetzen und neue auszuprobieren. Umso rascher sich unser Lebensbedingungen in persönlicher, sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht verändern, umso häufiger müssen wir solche Verhaltensmuster verändern, d.h. umso mehr freien Willen brauchen wir.

Die Entwicklung dieser Fähigkeit, mehr und mehr neuen Einsichten zu folgen, auf automatisierte Verhaltensmuster zu verzichten, wird in unserer schnelllebigen Zeit zu einem globalen Faktor des Überlebens. Das tief in uns verwurzelte Muster im Überlebenskampf jeden Konkurrenten zu vernichten, muss sich verändern, sonst haben wir als Individuen und als Weltgemeinschaft keine Überlebenschance. Dass wir z.B. in Europa seit 60 Jahren nationale Konflikte nicht mehr mit Kriegen austragen, sondern in vielen und schwierigen Konferenzen, ist das nicht eine Entscheidung für mehr freien Willen? Der Zustand der Weltgemeinschaft zeigt aber auch, dass noch viel freier Wille entwickelt werden muss.

Natürlich lassen sich die Verhaltensmuster nicht beliebig verändern, auch wenn dies manchmal wünschenswert sein mag. Manche sind genetisch festgelegt oder mit der biologischen Entwicklung eines Menschen verbunden und werden überhaut nicht oder nur in einem langen Prozess verändert werden können. Andere Verhaltensmuster entstehen durch die Erziehung eines Menschen oder durch das Leben in einem kulturellen Umfeld und können sehr wohl veränderten Notwendigkeiten angepasst werden.

In einer sich rasant verändernden Welt wird die Frage nach den Erziehungszielen und ihren Methoden daher kein individuelles und kulturelles Thema mehr sein können, über das persönlicher Geschmack oder regionale Vorlieben entscheiden. Die Art der Verhaltensmuster, die im Entwicklungsprozess von Menschen ausgebildet werden, mit der Fähigkeit und der Erlaubnis sie verändern und anpassen zu können, wird zukünftig mit entscheiden über Krieg, Frieden, Gerechtigkeit und das Überleben der Menschheit.

Immer wieder wird die Frage diskutiert, wie so viele Menschen in Deutschland im 3. Reich zu Tätern und Mitläufern eines verbrecherischen Systems werden konnten. Nach dem schrecklichen Krieg hat Theodor Adorno in entsprechenden Untersuchungen gezeigt, dass diese Täter durchweg aus repressiven Erziehungsmilieus gekommen sind.  D.h., sie haben vor allem Verhaltensmuster entwickelt, zu gehorchen, sich zu unterwerfen. Sie hatten zu wenig Muster, der eigenen Intuition, dem eigenen Gefühl zu vertrauen - sie konnten keinen Widerstand entwickeln.

5. Was machen wir mit der sog. geistigen Welt, die uns in unterschiedlichen Erfahrungen und Vorstellungen immer wieder begegnet?

Die Versuche, menschliches Leben, vor allem die seelischen und geistigen Prozesse mit unseren Hirnfunktionen zu beschreiben, die dieses Geschehen steuern oder gar erschaffen, haben aber ein großes Problem. Es wird immer ein ausreichend funktionierendes und entwickeltes Hirn vorausgesetzt.

Ein solches Gehirn gibt es aber am Beginn unseres Lebens, nach der Verschmelzung von Eizelle und Samenzelle noch nicht und in den folgenden Wochen sicher nur in viel einfacheren Formen. Trotzdem arbeitet dieses Wesen von Anfang an an der Entwicklung des komplexesten Systems, das wir kennen. Kein erwachsener Mensch wird solche eine Leistung später wiederholen. Dieses Wesen weiß sehr genau, wie es aussehen will, funktionieren muss und was dafür zu entwickeln ist. Die Mutter bietet den Raum, liefert notwendige Ressourcen, schützt diese Entwicklungsarbeit. Den Plan hat dieses Wesen aber selbst, und es macht auch selbst diese Arbeit.

Woher kommt dieser Plan? Woher hat dieses Wesen diese Fähigkeiten?

Selbst wenn wir nun noch die moderne Physik, die Quantenphysik bemühen würden, mit ihren subatomaren Teilchen, die im ganzen Universum und in uns existieren, ewig sind, keine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kennen, aber immer alles voneinander wissen, wir kommen der brennenden Frage nach dem Ursprung und Sinn unseres Lebens und der Welt nicht näher.

An dieser Stelle kann man sich entscheiden, ohne Antworten auf diese Fragen zu leben. Man wird dann mit der ungeheuerlichen Mächtigkeit dieses Universums konfrontiert, das sich dem menschlichen Zugriff immer entzieht, in das ich als Mensch aber auch eingebunden bin, dazu gehöre, nach den gleichen Regeln und Gesetzen lebe, die gleichen Ziele verfolge wie alles, was in ihm existiert –nämlich zu leben, sich zu entwickeln – oder irgendein anderes Ziel, das ich halt nicht kenne, aber einmal kennen lernen werde.

Die andere Entscheidung besteht darin, mögliche Antworten auf diese Fragen zu suchen oder zu entwickeln. Sie können dann sehr helfen, mit diesem großen Fragezeichen zu leben.

Eine Antwort versucht aus den Beobachtungen und Erfahrungen, die wir mit unseren geistigen und seelischen Aktivitäten machen, zu folgern, dass es doch eine seelische und geistige Welt außerhalb unserer körperlichen Existenz geben muss. Überall wird ein Geist entdeckt, der unsere Lebensprozesse ermöglicht und steuert. Doch dieser Geist kann nicht die geringste Ähnlichkeiten haben mit dem Geistbegriff, mit dem wir unsere Hirnaktivitäten beschreiben. Unsere Vorstellungen vom Geist sind viel zu simpel und banal im Vergleich zu dem, was sich da draußen im Universum abspielen mag. Zwar spricht auch die Bibel im Schöpfungsbericht (Gen. 1. 2 ) vom Geist Gottes, der über den Wassern schwebt und beginnt, die Welt zu erschaffen. Aber der hebräische Urtext spricht nicht vom „Geist Gottes“, sondern vom „Sturmwind Gottes“. Dahinter steckt wohl eine ganz  andere Mächtigkeit als die, die wir landläufig mit unserer intellektuellen Geistigkeit verbinden. Der Schöpfer dieses Universums wird als große Kraft oder – wenn sie wollen- Energie beschrieben.  Geht es noch mächtiger?

 

Literaturhinweise:

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Blackmore, S.(2007). Gespräche über Bewußtsein. Suhrkamp,Frankfurt

Damasio, Antonio R. Descartes Irrtum, Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, 2.Aufl. 1996, List

Edelman, G. M., Tononi, G. (2002) Wie aus Materie Bewusstsein entsteht. Beck, München

Reich, Wilhelm, Äther, Gott und Teufel, 1983, Nexus, ISDN 3-923301-45-6.

Boadella, David, Wilhelm Reich, Leben und Werk, 1981, Scherz.

Metzinger, Thomas (1996) Hrsg. Bewusstsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. Ferdinand Schöningh

Roth, Gerhard (1997): Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Suhrkamp

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