© Rainer Mahr

Wilhelm Reich – was war, was bleibt

Vortrag zur 25 Jahr Feier der Stuttgarter Gesellschaft für Bioenergetische Analyse 2008.

Bei Familienjubiläen tauchen die Ahnen gerne in der Festversammlung auf. Es kommt zu ihrer Würdigung oder auch zur Auseinandersetzung mit ihnen. Wie haben sie die Familie geprägt, wie hat diese sich inzwischen verändert?

Neben Alexander Lowen gehört zweifellos auch Wilhelm Reich in den Stammbaum der Bioenergetischen Analyse. Mit seinem Erbe scheinen wir uns aber nach wie vor etwas schwer zu tun:

Lowen äußerte sich in seinen Schriften zwar immer wieder sehr anerkennend über ihn, deutlich wird aber auch, dass er sich nach seiner Rückkehr aus der Schweiz von ihm und seinem Kreis zurückgezogen hat. In seinen Memoiren spricht er auch von dieser Notwendigkeit, nachdem er in den USA vor die ärztliche Prüfungskommission geladen und über seine Beziehung zu Reich und seiner Arbeit befragt worden war. Er wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass er mit seiner Arbeit Schwierigkeiten bekommen könnte, wenn er mit Reich in Zusammenhang gebracht würde. Lowen betont, dass ihm die Distanzierung zu Reich nicht schwer gefallen sei, weil er dessen Positionen gegenüber ohnehin schon skeptisch  geworden war (vgl. Lowen 2004 S. 75 ff.).  Er sah mehr die Notwendigkeit, dass die Körperarbeit von der reflektierenden Einsicht begleitet sein muss und betont die Wirkung der richtigen Worte auf den Therapieprozess (vgl. Lowen 19, S. 291 ff.).  Mit der Orgonenergie-Forschung, die Reich ihm noch zeigte, setzte er sich nicht mehr ausführlich  auseinander. Jene Energievorstellungen und Atemkonzepte, mit denen Reich seine  Vegetotherapie begründete, fanden in seinem Konzept keine Berücksichtigung mehr (vgl. ebenda, S. 33 f.).

Ich selbst kann mich nicht erinnern, dass es in meiner Ausbildung zum Bioenergetischen Analytiker (1984 bis 1988) eine ausführliche Information  und Auseinandersetzung mit dem Leben und Werk von Reich gegeben hätte.

Das Internationale Institut für Bioenergetische Analyse (IIBA) hat auf seinen Kongressen immer wieder versucht, den Blick von den individuellen Problemen der Klienten auf die Einflüsse der globalen gesellschaftlichen Krisen, ihre Ursachen und Lösungsmöglichkeiten im sozialen Bereich zu richten (z.B. auf dem Kongress in Sevilla 2007, mit dem Thema „Self & Community / Creating Connections in Broken Times“).  Im Vorwort des Programms heißt es dazu: „It may be interesting to ask ourselves: „If Reich was alive today, facing all these new issues, how would he address them in the context of somatic psychotherapy?” (Programm S. 10). Dann gab es u.a. einen erschütternden Bericht über die weltweiten Menschenrechtsverletzungen, aber keine Ursachenforschung aus soziologischer oder psychotherapeutischer  Sicht, auch keine psychotherapeutischen Lösungsperspektiven. Der Bezug auf  Reichs sozialpsychologische Arbeiten, z.B. „Die Massenpsychologie und Faschismus“ hätte da schon einen interessanten Diskussionsbeitrag liefern können.

 Zwar gibt es in der übrigen körperpsychotherapeutischen Szene viele Beiträge zur Arbeit von Reich, in der Bioenergetischen Analyse sind sie aber sehr spärlich. (Helfaer 2008, Schretter 1997 , Mahr 1996 ).

 

Zweifellos gilt Reich auch bei Bioenergetikern als ausgezeichneter Psychoanalytiker. Er hat die Praxis und Theorie der Psychoanalyse in vielen Punkten bereichert und verbessert. Auf vielen Konzepten  von Reich konnte Lowen aufbauen und seine Bioenergetische Analyse entwickeln. Doch seine sozialpädagogischen Projekte, sein politisches Engagement in der kommunistischen Partei, seine naturwissenschaftlichen Forschungen, das Konzept seiner kosmischen Orgonenergie, sein Orgonakkumulator und seine Experimente, es in der Wüste regnen zu lassen, sind uns in der Bioenergetischen Analyse weitgehend fremd geblieben.

Haben vielleicht doch all die Menschen recht , die seit 50 Jahren sein spezielles wissenschaftliches  Engagement als Scharlatanerie abtun und mit seiner Paranoia und traumatischen Biographie zu erklären versuchen? ( Boadella 1981, S.257 ff, 154, Freudl 2002, S. 60 f, Reich-Rubin 2007, S.25 ff.)

Ein paar Bemerkungen zu seiner traumatischen Biographie: Seine Mutter hatte eine Liebesaffäre mit seinem Privatlehrer. Wilhelm wusste davon und hat es seinem Vater erzählt. Die Mutter hat sich daraufhin aufgehängt. Wie kann man mit so einer Familientragödie gesund bleiben? Als Folge dieser traumatischen Erfahrung versucht man dann später   seine wundersame Umtriebigkeit zu erklären, seine wissenschaftlichen Bemühungen abzutun und ihre Ergebnisse zu den Akten zu legen. Verstehen lässt sich dann auch, dass er einen schwierigen Charakter entwickelt und Freunde, Kolleginnen und Kollegen sich von ihm distanzierten, ihn aus der deutschen und internationalen psychoanalytischen Vereinigung ausschlossen, selbst die Kommunisten sich mit ihm überwarfen, dass seine Emigrationsversuche nach Dänemark, dann nach Schweden  und Norwegen scheiterten, und er schließlich in Amerika mit den staatlichen Behörden und den Gerichten Schwierigkeiten bekommen hat, im Gefängnis landete und dort verstorben ist.

Durch die ausführlichere Lektüre einiger Arbeiten von Wilhelm Reich bin ich inzwischen einem ganz anderen Mann und einem anderen wissenschaftlichen Werk begegnet, als es mir bis dahin bekannt und vermittelt worden war. Diesen Mann und seine Art, zu arbeiten, möchte ich mit diesem Beitrag vorstellen, da ich der Meinung bin, dass man sein Werk nicht mit psychopathologischen Vorstellungen belegen und abtun sollte.

1. Persönlichkeitsmerkmale

Die angebliche Paranoia Wilhelm Reichs

Wilhelm Reich musste sich in seinem Leben ein einziges Mal psychiatrisch untersuchen lassen. Dies geschah im Gefängnis nach 1950 mit negativem Befund. Die Meinungen über seine schizophrenen Züge, die mit der Zeit manifest geworden sein sollen, sind aber schon 20 Jahre vorher entstanden und die Urheberschaft dieser angeblichen Diagnose teilen sich vor allem Reichs Analytiker Paul Federn und Rado (vgl. Laska 1999, S. 62 f.). Beide gewinnen ihre Einschätzungen aus dem therapeutischen Prozess mit Reich als Analysand und tragen sie in die psychoanalytische Vereinigung. Rado spricht über den „schleichenden psychotischen Prozess“ auch mit Reichs Frau Annie und rät ihr, sich von Reich zu trennen. Die Psychosediagnose wird in der psychoana-lytischen Vereinigung zur Standardmeinung über Reich und zum abwertenden Kriterium seiner Arbeit. Wer psychisch labil oder gar verrückt ist, dessen Aussagen über psychotherapeutisches Geschehen kann und muss man nicht besonders ernst nehmen.

Persönlichkeitsfaktoren, pathologische Merkmale oder Faktoren einer Charakterstruktur sollten nie zur Bewertung wissenschaftlicher Beiträge benutzt werden. Wo dies geschieht, wird damit in der Regel eine Arbeit aus anderen Gründen abgewertet.  Eher selten hört man, dass z.B. ein genialer Betrag nur von einer Person mit einer schizoiden Charakterstruktur geleistet werden konnte.

Nach dem Krieg hat sich diese Meinung über Reich gehalten und ist in einigen Publikationen weiter verbreitet worden. Nicht die Sorge um die angeschlagene Gesundheit eines Kollegen hat zu der entsprechenden Stimmung in der psychoanalytischen Gesellschaft geführt, sondern Rivalitäten, Kränkungen, Ängste. Denn neue Theorien und Erkenntnisse werden häufig als Bedrohung erlebt, weil sie fremd sind, sich mit den bisherigen Vorstellungen und Werten nicht vereinbaren lassen (vgl. Reich-Rubin, 2007, S.28 f)

Leidenschaft und Neugier

Schon während seines Medizinstudiums in Wien, vor allem im Seminar über Sexualität, das mit der Psychoanalyse noch nichts zu tun hatte, war Reich die Art und Weise, wie seine Kollegen über Sexualität geredet haben, sehr fremd. Die meisten kamen aus dem viktorianischen, prüden Bürgertum. Er war auf einem großen Gut aufgewachsen, im Kontakt mit der Natur und mit vielen Möglichkeiten, sich der  Kontrolle der Erwachsenen zu entziehen. Er konnte seine eigenen sexuellen Bedürfnisse kennen lernen, ausprobieren und entwickelte eine sehr unbelastete und tabufreie Sexualität ( vgl. Laska 1999 , S.17). Viele Menschen, die mit ihm zu tun hatten, erlebten ihn als einen sehr neugierigen, leidenschaftlichen Menschen mit einer hohen Präsenz. Diese Leidenschaftlichkeit bezog sich auf alle Personen, Dinge und Themen, die sein Interesse fanden. Für viele seiner Mitmenschen war die damit verbundene Hartnäckigkeit und Dominanz fremd und nur schwer zu ertragen. Seine erste Frau hat sich z.B. von ihm getrennt aus Sorge, in seiner Gegenwart ihre eigene Individualität zu verlieren (vgl. Freudl 2002, S. 48 f).

Viele seiner Kollegen hat er mit dieser Art auf die Dauer genervt, wenn er z.B. im Wiener Seminar von allen präzise Protokolle ihrer Therapien forderte - als Grundlage für die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Technik. Oder Lore Reich-Rubin, eine Tochter von Reich, beschreibt in einem Aufsatz über die Ursachen für seinen Ausschluss aus der Psychoanalytischen Vereinigung, dass Anna Freud diesen Ausschluss hinter den Kulissen sehr aktiv betrieben habe, weil Reichs Vorstellungen zur Sexualität angesichts ihrer eigenen schwierigen und ungelösten Problematik sehr bedrohlich für sie gewesen sein müssen (vgl. Reich-Rubin2007, S.28 f; Laska 1999 , S. 63) .

Stets hat Reich klare und unnachgiebige Positionen vertreten, von denen er zutiefst überzeugt war. Dadurch brachte er sich und seine Gesellschaft mit der  Arbeit zur Massenpsychologie des Faschismus, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, in große Gefahr. Er selbst konnte sich nur wenige Stunden vor der Verhaftung durch Emigration nach Dänemark retten.

Die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft war aber auch  von der Auflösung bedroht. Sie hat versucht, das zu verhindern, indem sie aktiv die Kooperation mit staatlich kontrollierten psychotherapeutischen Organisationen betrieben, jüdische Vorstandsmitglieder durch arische ersetzt und jüdische Mitglieder zum Austritt aufgefordert hat (vgl. Freudl 2002, S. 52 ff) .

Freud fürchtete in dieser Situation natürlich die Zerstörung seines Lebenswerkes und forderte den Vorstand der Gesellschaft wiederholt auf, ihn „von Reich zu befreien“ (vgl. Freudl 2002, S. 60). Und in der Tat war Reich als Jude, Sexologe und Kommunist für die Nazis die Inkarnation des Bösen. Mit ihm wollten sich Freud und die Gesellschaft nicht mehr identifizieren.

2. Wilhelm Reichs Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Theorie

Es waren aber nicht nur sein schwieriger Charakter, seine jüdische Herkunft und sein linkes, politisches Engagement, das zur Ablehnung durch Freud und seine Kollegen führte. Es war auch nicht die Forschung an den Bionen, die Entdeckung der Orgonernergie, der Bau des Orgonakkumulators, wodurch er heute immer noch als Scharlatan gilt (vgl. Ackerknecht 1981, Hofstätter 1971, Hofstätter 1981, Krieger 1975, Zimmer 1991 ). Schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden einige Schwierigkeiten in der psychoanalytischen Theorie und Praxis deutlich, und Freud forderte die Kolleginnen und Kollegen auf, sich mit der Klärung dieser Fragen zu beschäftigen (vgl. Laska 1999 , S. 24). Reich, ca. 20 Jahre jünger als Freud, hat sich dieser Herausforderung gestellt. Ihre Ergebnisse führten dann aber auch zu den Konflikten mit seinen Kolleginnen und Kollegen und zum Zerwürfnis mit Freud selbst.

Eine wichtige Hypothese der damaligen Psychoanalyse lautete, dass neurotische Symptome von unbewussten Konflikten zwischen sexuellen Bedürfnissen und dem Über-Ich gespeist werden. Bei vielen Patienten konnten aber keine Störungen in ihrem Sexualleben aufgedeckt werden. Deshalb wurde die Vorstellung entwickelt, dass die frühkindlichen sexuellen Fantasien der Patienten, die nicht gelebt werden konnten, für die Probleme verantwortlich sind.

Reich behauptete dagegen, dass all seine Patienten mit psychoneurotischen Beschwerden ein unbefriedigendes und gestörtes Sexualleben hatten, das seinen Ausdruck in neurotischen Symptomen suchte.

Wie kam er zu dieser abweichenden Meinung?

a) Einmal arbeitete er in einer psychotherapeutischen Ambulanz in einem Arbeiterdistrikt von Wien. Er erfuhr von der Lebensweise und den Problemen dieser Menschen, die sich deutlich von der in der bürgerlichen Welt unterschieden. Enge Wohnverhältnisse machten Intimität unmöglich, führten zu sexuellem Missbrauch, Inzest und Gewalt, die am eigenen Leib erlebt oder beobachtet werden konnten. Es gab Konflikte wegen der Empfängnisverhütung, ungewollten Schwangerschaft und Abtreibung. Dass diese realen Lebenserfahrungen traumatisieren und zu neurotischen Verhaltensweisen führen können, schien ihm plausibel.

Außerdem begnügte sich Reich nicht mit der allgemeinen Frage nach der Qualität des Sexuallebens seiner Patienten. Er brach ein Tabu und fragte: „Wie oft hast Du Sex, wie machst Du es, was erlebst Du beim Akt, was danach?, usw.“  Auf diese Art und Weise erhielt er ganz andere Informationen als seine Kolleginnen und Kollegen, die sich solche Fragen nicht zu stellen trauten. Und das veränderte seine Position zur Entstehung von  Neurosen  (vgl. Reich 1969, S.92).

Dass er sich traute, solche Fragen zu stellen, hing natürlich mit seiner eigenen sexuellen Entwicklungsgeschichte zusammen, die sich von der seiner Kollegen deutlich unterschied.

b) Die Effektivität der psychoanalytischen Arbeit war für viele Therapeuten, auch für Freud, unbefriedigend. Es wurde viel unbewusstes Material erinnert, aber die Symptome verschwanden nicht oder nur kurzfristig (vgl. ebenda, S.106 f).

Ausgangspunkt für Reichs Versuch, dieses Problem zu verstehen und zu lösen, war die Bemerkung eines ehemaligen Patienten, dass er ihm nie wirklich vertraut hat. Sie zeigte ihm die Notwendigkeit, intensiv mit der negativen Übertragung der Patienten zu arbeiten, ein Aspekt, der damals noch wenig entwickelt war. Widerstandsanalyse und die Charakteranalyse waren dann weitere Schritte zur Erweiterung der psychoanalytischen Theorie und Praxis. Die Charakterstruktur als ein Versuch, Widerstand und kompensatorische Lösung eines Problems zu organisieren, wurde für Reich zum wichtigen Arbeitsschwerpunkt, bevor die Deutung der neurotischen Symptomatik möglich wird (vgl. Reich 1983, S. 55 ff).

Da Reich erkannte, dass die Psychoneurosen durch reale Konflikte mit dem Sexualleben der Patienten verursacht wurden, veränderte sich auch sein Therapieziel. Es ging ihm nicht mehr um eine Symptombeseitigung, sondern vor allem um die Auflösung von Strukturen, welche die Bedürfnisse, Impulse, Triebe unterdrücken - um die Entwicklung der „orgastischen Potenz“. Er bezog diese orgastische Potenz aber nicht nur auf ein befriedigendes Sexualleben, sondern auf die Fähigkeit, alle inneren Impulse und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen und realisieren zu können (vgl. Reich 1969,  S. 88 ff).

Diese Sicht der psychoanalytischen Arbeit zwang Freud und seine Kolleginnen und Kollegen nicht nur zur kritischen Überprüfung eigener, vertrauter Überzeugungen, sondern konfrontierte sie auch mit ihren eigenen ungelösten sexuellen Themen (vgl. Reich-Rubin 2007, S. 28 ff). Es kam zu Kränkungen, Abwehr und Ausgrenzung der bedrohlichen Konzepte und des Verursachers – Wilhelm Reich.

c) Das andere Thema, das die Differenzen zwischen Reich, Freud und vielen anderen Analytikern zu seiner Zeit verstärkte, bezieht sich auf das Verständnis des Masochismus (vgl. Reich 1969,  S. 218 ff).

Patienten leiden unendlich unter ihren psychischen Beschwerden,  und keine Deutung der auftauchenden Bilder, keine therapeutische Intervention kann dieses Leiden beseitigen oder lindern. Es entsteht der Eindruck, dass diese Menschen an ihrem Leid Lust empfinden, es deshalb immer wieder reproduzieren, sich von ihm nicht trennen können. Aus diesen Erfahrungen heraus entwickelte Freud dann die Theorie vom Todestrieb, von der inneren Kraft, Glück und Leben zu zerstören.

Reich überprüfte die Vorstellung von der Lust der Patienten, Schmerzen zu ertragen, sie sogar zu genießen. Er fragte z.B. einen Patienten, ob er ihn schlagen darf. Der stimmte erfreut zu. Reich schlug ihn kräftig, und der Patient schrie vor Schmerzen, statt sich lustvoll dem Schmerz hinzugeben. Da kamen Reich Zweifel an der Vorstellung von der Lust  des Masochisten am Leid. Er entwickelte das Konzept, dass der Masochist in seiner Fähigkeit, Lust zu empfinden so sehr gehemmt ist, dass er in einer Erregungssituation große Angst bekommt, und fürchtet, zu platzen. Eine andere Person muss für ihn das Pulverfass aufstechen. Er selbst ist dann für die Folgen nicht verantwortlich (vgl. Reich 1983, S. 213 ff). Der Masochismus ist das Ergebnis, nicht die Ursache der Neurose. Er war für Reich der Hintergrund für alle Leidensreligionen, Leidensphilosophien  und das Zentralproblem der Massenpsychologie. Erlösung wird von außen erwartet, Leid und Unterwerfung müssen nur ausgehalten werden.

Obwohl Freud von seiner Todestriebtheorie nicht besonders überzeugt war, konnte er die offene Kritik durch Reich nicht gut vertragen (vgl. Freud 1969 - 1975,  S. 268). Reich machte in seinem Masochismusartikel sehr deutlich, dass soziale und gesellschaftliche Bedingungen zur starken Triebunterdrückung und dadurch zur Neurose führen. Die Lebensverhältnisse, viele moralische Vorstellungen und Erziehungsziele müssten verändert werden. Individuelle Therapie reicht nicht aus, prophylaktische Bildungsarbeit und sozialpolitische Veränderungen müssten geschaffen werden, damit sich das Lustprinzip für eine gesunde Lebensweise durchsetzen kann. Reich ging es darum, dass sich das Lustprinzip besser durchsetzen kann (vgl. Reich 1969, S. 218 ff; Reich 1983, S. 213 ff).

Freud verstand dies als kommunistische Agitation gegen ihn und sein Werk. Denn in seinem Buch „Unbehagen in der Kultur“ vertrat er die Meinung, dass die Weiterentwicklung der Kultur die wesentliche Aufgabe der Menschheit sei. Dies könne aber nur gelingen, wenn das Lustprinzip immer mehr durch das Realitätsprinzip ersetzt werde. Der Mensch hat auf Lust zu verzichten und sich anzupassen (vgl. Reich 1969, S. 181).

Dieser Gegensatz - Lustprinzip bei Reich und Realitätsprinzip bei Freud - kennzeichnete den tiefen Bruch zwischen beiden und hat u.a. die Vorbehalte gegen körperpsychotherapeutische Konzepte bis heute bestimmt.

3. Reichs Abkehr von der Psychoanalyse

Dass sich Reich von einem bestimmten Zeitpunkt an der naturwissenschaftlichen Forschung widmete, wird oft als Abkehr von seiner psychoanalytischen Arbeit verstanden und als Schritt ins Unseriöse.

Doch selbst die Neurosentheorie Freuds geht davon aus, dass es Ängste, also psychische Faktoren sind, die körperliche Symptome und Störungen  wie Erektionsstörungen, Frigidität, Zwangshandlungen usw. verursachen. Reich versuchte mit seiner Arbeit lediglich, diesen Ansatz weiter zu entwickeln. Er wollte genauer wissen, wie diese psychischen Faktoren körperliches Befinden verändern. Was ist die treibende Kraft, die Energie, die hier wirksam wird?

Aber braucht man dafür das Konzept vom Orgasmusreflex, der schon durch tiefes Atmen ausgelöst werden soll?

Reich beobachtete bei seinen Patienten immer wieder, dass auftauchende genitale Erregung sich zu kardialer Erregung verändert (erhöhter Puls und Blutdruck). Es ist ein Wechsel von Lust zu Angst, aber immer dieselbe Erregung. Sie wechselt von der Peripherie zum Zentrum. Diese Beobachtung zeigt große Ähnlichkeiten mit der Vorstellung von der „vegetativen Strömung“ von Friedrich Kraus (vgl. Boadella 1981, S. 104 ff).

Kern dieser vegetativen Strömung ist ein ständiger Prozess von elektrischer Aufladung und Entladung. Reich glaubte, diesen Prozess im Orgasmus wieder zu finden und entwickelte seine Orgasmusformel: 

Mechanische Spannung (durch Reibung) führt zu elektrischer Ladung.

Elektrische Entladung führt zu mechanischer Entspannung.

Aber: der Orgasmus sei ein Spezialfall der vegetativen Strömung.

Reich formulierte die Hypothese, dass diese Strömungen zwischen Peripherie und Zentrum eines Organismus, zwischen Lust und Unlust, zwischen Vagus und Sympathikus, Sex und Angst,  Expansion und Kontraktion das Urgesetz des vegetativen Lebens darstellen. (vgl. Reich 1969 , S. 234 ff).

Er begnügte sich aber nicht mit dieser Hypothese, er wollte sie experimentell beweisen und das gelang ihm mit seinen Messungen zu elektrischen Potentialdifferenzen in verschiedenen Hautregionen in einem gut ausgestatteten Labor in Oslo. Er wollte mit diesen Messungen herausfinden, wie sich das elektrische Potential bei Lust- und Unlustempfindungen verändert, ob es Unterschiede gibt zwischen beliebigen und erogenen Hautzonen, wie es sich bei unterschiedlicher Reizung und bei unterschiedlichen Affektzuständen verhält (vgl. Boadella 1981, S. 132f).

Es handelte sich dabei nicht um Messungen des Hautwiderstandes und der Hautleitfähigkeit. Einen Pol des elektrischen Messgerätes legte er an die Hautoberfläche, den zweiten Pol an eine tiefere Hautschicht, nachdem er sie aufgeritzt hatte. Dadurch entsteht zwischen beiden eine spezifische elektrische Spannung.

Natürlich muss man mit der Hypothese nicht einverstanden sein, dass lebendige Prozesse im Kern aus dieser Bewegung zwischen Expansion und Kontraktion bestehen. Die Kritik an dieser Orgasmusformel von Reich müsste sich dann aber meiner Meinung nach schon mit seinen Messergebnissen selbst auseinandersetzen und zeigen, dass sie falsch sind, oder dass und warum sie anders interpretiert werden müssen. Diese Mühe machte man sich in der Auseinandersetzung mit Reich leider selten.

 Reichs Vegetotherapie

Mit  der Entwicklung der Vegetotherapie veränderte sich bei Reich die Psychotherapie vor allem zu einer Körpertherapie, zur manuellen Arbeit am Körper und zum Bemühen, die spontane Atmung des Patienten zu vertiefen. Lowen hat mit dieser Vegetotherapie bei Reich seine eigenen Erfahrungen als Analysand gemacht. Sie hat seinen Selbsterfahrungsprozess initiiert und die Entwicklung seiner professionellen Identität als Körperpsychotherapeut begründet. Seine ersten eigenen therapeutischen Arbeiten und die fortgesetzte Arbeit an seinen eigenen Problemen mit John Pierrakos haben dann die Entwicklung seiner Bioenergetischen Analyse gefördert.

Reich hat mit diesem Verfahren viel Anerkennung bekommen, vor allem in den skandinavischen Ländern. Die heftige Kritik an dieser Arbeit rührte einmal von dem Unverständnis darüber, was Psychotherapie mit dem Körper zu tun haben soll, und dass die Theorie zur Vegetotherapie nicht immer ausreichend beachtet wurde  (vgl. Boadella 1981, S. 125 ff).

Was versteht Reich unter der Vegetotherapie?

Reich hatte zunächst die psychoanalytische Arbeit dadurch ergänzt, dass er die Charakteranalyse eingeführt hat. Er hielt sie für notwendig, damit der unbewusste Konflikt nicht nur bekannt, sondern erlebbar werden konnte. Es war nicht nur wichtig zu klären, was ein Patient verdrängt hatte, sondern wie er es gemacht hat. Dieses „Wie“ findet seinen Ausdruck in der Haltung und in seinem spezifischen Widerstand. Die Charakteranalyse kann den Panzer eines Menschen lockern und lang zurückgehaltene Affekte freisetzen. Sie konfrontiert den Patienten einerseits mit seiner Körperhaltung, mit seiner Art und Weise auf Konflikte zu reagieren und sie arbeitet auch manuell mit verspannten Muskelpartien. Bei dieser Arbeit beobachtete Reich nun massive vegetative Reaktionen – schnell und stark wechselnde Hautfärbungen, Durchfälle, Herzrasen, Kopfschmerzen, unwillkürliches Zittern, Zucken der Muskulatur, Jucken, Prickeln, Ameisenlaufen usw. D.h., er hatte mit seiner charakteranalytischen Arbeit das vegetative Nervensystem erschüttert. Außerdem wusste er aus vielen Berichten der Patienten, dass sie in ihrer Kindheit versuchten, ihre bedrohlichen und unerwünschten Gefühle zu kontrollieren, indem sie übten, den Atem anzuhalten, den Bauch zusammenzupressen und damit das vegetative Nervensystem zu beeinflussen.

Die Atmung spielt dabei die entscheidende Rolle, weil mit ihr das Sonnengeflecht, die neuronale Struktur des vegetativen Nervensystems im Brust und oberen Bauchraum gedehnt und massiert werden kann. Auf die gleiche Weise kann die Atmung auch die Spindeln in den Muskeln beeinflussen, mit denen die Muskelspannung gemessen und die Ergebnisse an das Gehirn weiter geleitet werden können. Der Sauerstoffaustausch spielt in diesem Prozess nicht die entscheidende Rolle.

Wenn sich Reich in seiner Vegetotherapie schwerpunktmäßig mit der Beseitigung von Atemstörungen beschäftigte, dann geschah dies, um unmittelbar im vegetativen Nervensystem zu intervenieren und die selbstregulierende Balance zwischen den verschiedenen Systemen zu ermöglichen. Er machte auch die Erfahrung, dass er auf diese Art und Weise die verdrängten Affekte wiederbeleben und der Neuregulierung zugänglich machen konnte (vgl. Reich 1969, S.258 ff)

An dieser Stelle veränderte sich dann aber auch sein Verständnis vom Wesen der Neurose. „Die Neurose ist nicht nur der Ausdruck einer Störung des psychisches Gleichgewichts……, sondern einer Störung des vegetativen Gleichgewichts.“ (vgl. Reich 1969, S. 259).

Die vegetative Störung (z.B. als Muskelverspannung) ist die Form, in der sich das infantile Erlebnis als Schädigung erhält. Diese Vorstellung bringt Reich dazu, stärker mit dem Atem zu arbeiten, als mit den psychischen Bildern und Prozessen. Er macht auch die Erfahrung, dass er mit dieser Methode schneller die verdrängten Affekte lebendig werden lassen kann.

Reichs Vegetotherapie ist sicher keine Reduzierung psychotherapeutischer Arbeit auf gymnastische Gesundheitspflege. Sie ist Ausdruck seiner intensiven Bemühungen, die Struktur neurotischer Prozesse zu verstehen und Behandlungsmethoden zu finden, die diesem Verständnis entsprechen – z.B. mit dem Atem vegetative Strukturen zu beeinflussen. Ob diese Methode wirksam ist, kann man in der Praxis systematisch beobachten oder experimentell überprüfen. Aus heutiger neurobiologischer Sicht könnte man sagen, dass Reich mit dieser Atemarbeit in der Vegetotherapie einen Weg gefunden hat, direkt Hirnprozesse zu steuern,– allerdings mit einer wichtigen Einschränkung:

Das Sonnengeflecht, Teil des vegetativen Nervensystems, das vor der Hauptschlagader und dicht unter dem Zwerchfell liegt, reguliert seine Prozesse zu einem großen Teil über Reflexbögen im Rückenmark. Dabei sind dann die Strukturen im Gehirn nicht unmittelbar beteiligt. (Atwood, Mackay, 1994, S. 166; Schmidt, Thews, 1990, S. 349 ff). Vielleicht sind deshalb viele Affekte mit der Sprache nur schwer zu aktivieren. Die Verbindungen vom Gehirn an die Orte der vegetativen Prozesse sind nicht besonders zahlreich oder sie gelingen nur über größere Umwege. Atem- und Körperübungen dagegen beeinflussen unmittelbarer die Körperstrukturen, in denen die Affekte festgehalten oder „erinnert“ sind.

Durch Beobachtungen und Experimente hatte Reich den Eindruck gewonnen, dass psychische Prozesse Ausdruck von Strömungsbewegungen in einem biologischen Organismus sind, Bewegungen zwischen Kontraktion und Expansion, und dass sie mit sich verändernden elektrischen Spannungsverhältnissen einhergehen. Beschreibt dieses Modell aber wirklich auch fundamentale Formen oder Bedingungen des Lebendigen? Gibt es eine Kraft oder Energie, die nicht nur neurotische Prozesse provoziert, sondern als Basis das Leben selbst ermöglicht und steuert?

5. Von den „Bionen“ zur „Orgonenergie“

Um herauszufinden, ob es wirklich eine spezifische Lebensenergie gibt, richtete Reich sich in Oslo, später in Amerika, ein aufwendiges Labor ein. Es gab die lichtstärksten Mikroskope, die nur wenige andere Labore zur Verfügung hatten. Ganz neu war die Möglichkeit, die Beobachtungen unter dem Mikroskop im Zeitraffer zu filmen.

An einzelligen Lebewesen wollte er seine Hypothesen genauer untersuchen, die man damals üblicherweise durch Heuaufgüsse hergestellt hat. In ihnen konnten sich unterschiedliche Keime aus der Natur entwickeln und leicht beobachtet werden.

In diesen Proben wurden unterschiedliche Bewegungen von Bläschen ähnlichen Gebilden beobachtet: Die Bläschen vermehren sich, bilden Klumpen, teilen sich, stoßen sich ab, ziehen sich zusammen. Reich konnte bald nachweisen, dass diese  Strukturen nicht von lebendigen Keimen stammen konnten. Denn selbst nach der Sterilisierung, mit der lebendige Keime getötet werden, kam es zu den gleichen Beobachtungen. Außerdem konnte man auch die sterilisierten Präparate auf Nährböden kultivieren. Das ist eigentlich nur mit lebendigen Keimen möglich. Weitere Untersuchungen zeigten, dass sich nur elektrisch aktive Proben züchten lassen, nicht aber elektrisch neutrale. Für die Interpretation der Beobachtungen gab es physikalische und biochemische Hypothesen, die aber letztlich nicht alle Beobachtungen erklären konnten. Reich kam zu dem vorsichtigen Schluss, es könnte sich um Übergänge von anorganischen zu organischen Strukturen handeln. Er nannte diese Gebilde Bione. Mit dieser neuen Hypothese war er aber sehr vorsichtig. Er konnte das Labor von Roger DuTeil in Nizza zu Kontrolluntersuchungen bewegen und die Bestätigung seiner Beobachtungen bekommen. Später wurden die Untersuchungen auch von Louis Lapique im Auftrag der Akademie der Wissenschaften bestätigt. Doch Lapique wollte in der Veröffentlichung nur eine mechanistische Erklärungsmöglichkeit diskutieren. Deshalb hat Reich die Veröffentlichung im Journal der Akademie nicht zugelassen. Mit DuTeil kam es zu keiner weiteren Zusammenarbeit, weil er die Beobachtungen vitalistisch -  als Folge irgendeiner geistigen Kraft - interpretierte. Auch das konnte Reich nicht akzeptieren (vgl. Reich 1969 ,S. 37 ff; vgl. Boadella 1981, S. 140 ff).

 

Reichs Assistentin benutzte eines Tages zufällig Meeressand für die Herstellung neuer Proben, den sie auch sterilisierte  (vgl. Boadella 1981, S. 156 ff). Dabei entstand ein Haufen bläulicher Bläschen, die er dann Sapa – Bione nannte. Bei den stundenlangen Beobachtungen dieser Proben unter dem Mikroskop bekam er regelmäßig Augenentzündungen. Er hielt eine Probe mehrfach an eine Warze seiner Wange, von der er wusste, dass sie T – Bazillen enthielt. Die Warze trocknete aus. Die Untersuchung dieser T – Bazillen unter dem Mikroskop zeigte, dass sie abgestorben waren. Er beobachtete die Sapa - Bione im dunklen Keller und entdeckte immer wieder ihre bläuliche Strahlung. Um den subjektiven Faktor auszuschließen, ließ er andere Versuchspersonen im dunklen Keller nach den Proben greifen. Sie konnten dies nur tun, weil sie ihre bläuliche Färbung erkannten. Schließlich baute er einen Kasten, um diese Proben von äußeren Einflüssen abzuschirmen in der Erwartung, dass es diese scheinbare Strahlung nicht gibt. Er hatte Pech. Die gleichen Phänomene tauchten auf. Bei weiteren Untersuchungen zeigten sich ganz spezifische Temperaturveränderungen, stärkere Reaktionen des Geigerzählers als außerhalb des Kastens. Tests mit Radiumisotopen führten zu einer starken Erhöhung der Radioaktivität mit deutlichen Strahlenerkrankungen der anwesenden Personen und der Kontamination des Labors. Testpersonen im Akkumulator beschrieben die unterschiedlichsten körperlichen Empfindungen (vgl. Boadella 1981, S. 161 ff).

Bernhard Harrer hat von 1990 bis 1994 Reichs Versuche am Orgonakkumulator nachvollzogen und Reichs Meßergebnisse bestätigt. Er konnte aber zeigen, dass die gemessenen Effekte mit der Versuchsanordnung selbst zusammenhängen oder mit herkömmlichen Vorstellungen erklärt werden können. Viele andere Beobachtungen und Experimente von Reich hat Harrer allerdings nicht untersucht. Er glaubt, Reichs Hypothesen falsifiziert zu haben. Da Reich sich für seine Orgontheorie aber nicht nur auf dieses eine Experiment bezieht, muss auch Harrers  Falsifikation der Orgontheorie noch nicht wirklich schlüssig sein (vgl. Harrer 1997).

Für einen Experimentator ist die Widerlegung seines Experimentes natürlich nicht angenehm, aber auch keine Schande, vor allem, wenn er sich – wie im Falle Reich - um so viel Genauigkeit bemüht hat.

Wie gewissenhaft Reich mit seinen Hypothesen und Messergebnissen umgegangen ist, kann besonders an den Akkumulatorexperimenten gezeigt werden: Bevor er dazu irgendetwas veröffentlicht hatte, bat er 1941 Albert Einstein um ein Gespräch, um mit ihm die Lichterscheinungen seiner Proben im Akkumulator und die Temperaturveränderungen zu diskutieren (vgl. Laska 1999,  S. 108 ff ; vgl. Boadella 1981 ,  S. 168 ff). Es kam zu diesem Gespräch, und Einstein konnte sich von den Lichteffekten überzeugen. Er hielt die Beobachtungen für außerordentlich bedeutend, wenn sie sich bestätigen würden. Er ließ den Akkumulator in seinem Labor auf die Temperatureffekte untersuchen, die Lichtphänomene klammerte er aus, weil sie ihm zu subjektiv schienen. Die Effekte wurden bestätigt aber konventionell interpretiert. Auf eine ausführliche Entgegnung von Reich reagierte er 3 Jahre lang überhaupt nicht, teilte dann mit, dass er dieser Angelegenheit keine Zeit mehr widmen könnte.

Solange Reich sich noch mit den biologischen Kulturen beschäftigte, ging es ihm um die Frage nach den Strukturen und Prozessen, die Leben im Kern ermöglichen und steuern. Doch als er ganz ähnliche Beobachtungen an leblosen Proben machte, als er ihre Strahlung als bläuliches Licht beobachten konnte, als er die Strahlung mit fotographischen Platten und elektrischen Geräten messen konnte, war er von der Biologie in die Physik hinüber gerutscht. Diese Phänomene mussten nun als energetische begriffen und untersucht werden.

Zu der Hypothese, dass diese Strahlung kosmischer Art sein könnte, kam er durch verschiedene Experimente mit dem Geigerzähler außerhalb des Akkumulators in und außerhalb von geschlossenen und abgeschirmten Räumen. Nach diesen Experimenten formulierte er die Hypothese, dass die beobachteten Phänomene durch eine bisher unbekannte, kosmische Energie verursacht sein könnten. Er nennt sie Orgonenergie (vgl. Reich 1984, S. 149 ff).

Seine Frage, ob es eine kosmische Energie gibt, welche Eigenschaften sie hat und wie sie biologische Prozesse beeinflussen könnte, war damals von weit größerem Interesse, als es uns aus heutiger Sicht erscheinen mag. In der wissenschaftlichen Physik gab es eine heftige Diskussion darüber, ob das Universum mit einem Äther angefüllt, oder ob es ein luftleerer Raum sei. An dieser Frage war auch Einstein mit wechselnden Positionen beteiligt, weil er nicht wusste, inwieweit die Gültigkeit seiner Relativitätstheorie von der inneren Beschaffenheit des kosmischen Raumes abhängen könnte. Reich verglich die Äthertheorie mit seiner Orgonenergietheorie und fand Ähnlichkeiten und Unterschiede.

Unabhängig von Reich und seinen Hypothesen gibt es nach wie vor - und wahrscheinlich sogar zunehmend - diese Forschung zum Einfluss universeller Faktoren und Prozesse auf die Organisation und Regulierung des Lebendigen. Fritz A. Popp hat als Physiker nachweisen können, dass Photonen viele Prozesse des Lebendigen steuern und koordinieren. Diese Photonen gehorchen als Bestandteile der subatomaren Welt den Gesetzen der Quantenphysik. Sie haben Strahlung, können kommunizieren, sind energetischer Art und gehören zu den Elementen, aus denen alles in diesem Universum besteht (vgl. Popp 1984 , Bischof 1995 ).

Auch wenn Reichs Experimente noch so falsch sein mögen, mit der Vorstellung, dass wir auch nach den Regeln und Strukturen organisiert sind, die im Universum herrschen, werden wir zukünftig noch konfrontiert werden. Die neurobiologische Sichtweise des Menschen ist sicher nicht alles, was wir über uns noch erfahren werden.

6. Reich als Regenmacher

Völlig unverständlich bleibt uns Reich dann letztlich, wenn wir von seinen Versuchen hören, mit einfachsten Geräten in der Wüste von Arizona Regen zu erzeugen. Man muss sich schon große Mühe geben, dies nicht mit geistigen Verwirrungen zu erklären. Würden solche Projekte gelingen, hätte die Weltgemeinschaft schon längst diese Methoden übernommen, um die Dürreregionen dieser Welt in einen Garten Eden zu verwandeln. Für mich kann ich dieses Unverständnis auch nicht auflösen. Die Welt der Meteorologie ist mir zu fremd. Aber meine Unwissenheit darf ich nicht damit leugnen, dass ich einen anderen Menschen für verrückt erkläre.

Ganz offensichtlich hat Reich diese Versuche nach ausführlichen Beobachtungen der Atmosphäre dieser Region unternommen, entsprechende Experimente mit einem „Cloudbuster“ durchgeführt und war erfolgreich.  Ähnliche Experimente sind z.B. von DeMeo in Kalifornien, Griechenland, Zypern und Namibia gemacht worden und sollen zu den erwünschten Effekten geführt haben (vgl. Senf 1997, S. 126 ff). Man muss diese Erfolge vielleicht anders erklären, braucht dazu nicht den Cloudbuster. Aber das seriöse Bemühen von Reich und DeMeo, nach der Lösung eines großen Problems unseres Planeten zu suchen, einen Aspekt seiner Ursachen besser zu verstehen, kann man ihnen nicht absprechen.

7. Reichs Sozialpsychologie

Reich hat bei seiner Beschäftigung mit den Ursachen neurotischer Erkrankungen die Vorstellung vertreten, dass unbefriedigtes Sexualleben, die Stauung sexueller Bedürfnisse, Neurosen entwickeln lässt. Diese Stauungen würden durch rigide, sexualfeindliche Moralvorstellungen verursacht.  Dann erweiterte er aber dieses Konzept und sah in allen gesellschaftlichen Normen und Tabus, die Menschen daran hindern, ihre natürlichen (biologischen) Impulse und Bedürfnisse zu leben, Faktoren, die zu psychischen Störungen und unangemessenen Verhaltensweisen führen können. Diese Normen und Tabus würden schon den Kindern mit reglementierenden und autoritären Erziehungsmethoden vermittelt. Dies geschah seiner Meinung nach schon seit ca. 5000 Jahren mit der Entwicklung patriarchaler Gesellschaftsstrukturen. Die dadurch verursachte „Krankheit“ nannte er Biopathie (vgl. Reich 1984,  S. 11 ff). Sie bildet Menschen heran, die nicht autonom den selbstregulierenden Prozessen ihrer Person Raum geben, die nicht Widerstand leisten und für ihr Leben Verantwortung übernehmen können, wenn versucht wird, sie und ihr Umfeld zu unterdrücken. Das Neuroseproblem wurde bei ihm zum Biopathieproblem, das alle (zumindest abendländischen) Kulturen befallen hat.  Die Entwicklung wirklich demokratischer Gesellschaften hielt er ohne seine Lösung für unmöglich. Mit diesem Grundverständnis analysierte und kritisierte er dann auch den Faschismus des Nationalsozialismus. Er sei nur mit Menschen zu entwickeln gewesen, die diese biopathische Struktur haben, und der Faschismus pflege und stärke diese Struktur auch wieder.  Mit der Idee des Kommunismus hatte sich Reich angefreundet und für ihre Verwirklichung gearbeitet, weil seiner Meinung nach in dieser Gesellschaftsform alle bisherigen unterdrückenden Normen und Strukturen ihr Ende finden sollten.

In der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft gab es eine starke marxistische Fraktion von Psychoanalytikern.

Da in der Sowjetunion versucht wurde, diese neue gesellschaftliche Struktur zu entwickeln, wurde dieser Prozess auch von Reich mit Sympathie verfolgt und, als sich die Hoffnungen nicht erfüllten, heftig kritisiert.  In dieser Kritik ging es wieder um die biopathischen Ursachen, die zu Unterdrückung und neuen autoritären Strukturen führen (vgl. Reich 2003,  S. 190 ff).

Reich sah, dass diese Biopathie im einzeltherapeutischen Setting nicht befriedigend aufgelöst werden kann. Prophylaktische Arbeit in den sozialen Strukturen sei notwendig, z.B. durch seine aufklärende Beratungsarbeit und durch sein Projekt, Eltern, Lehrer und Erzieher zu befähigen, mit ihren Kindern repressionsfreier umzugehen (vgl. Boadella 1981, S. 209 ff.).

 8. Was bleibt?

Hinter den vielen Experimenten und Überlegungen von Reichs Forschungsarbeit stand durchgängig die Überzeugung, dass psychische Faktoren körperliche Prozesse regulieren können und umgekehrt. Wer Prüfungsangst hat, bekommt leicht Durchfall. Wenn ich jemanden in den Arm nehme, kann ich seine Atmung, seinen Puls beruhigen. Diese Wechselwirkungen sind Selbstverständlichkeiten und allen Menschen geläufig. Deshalb bleibt es auch nach Reich sinnvoll, dieses Wechselspiel zu beobachten, zu beschreiben und Wege zu finden, es in unserer psychotherapeutischen Arbeit zu nutzen.

Was von Reich bleiben sollte, ist seine Sorgfalt, mit der er beobachtete, Hypothesen aufstellte und selbstkritisch überprüfte.

Wir sprechen in der Bioenergetik viel über energetische Prozesse, halten auch an dem Wort „Energie“ in unserem Namen fest. Was wir darunter verstehen, ist aber sehr unterschiedlich. Reichs Vorstellung,  dass mit einer Orgonenergie subatomarer oder kosmischer Art lebendige Prozesse reguliert werden oder überhaupt erst möglich werden, findet in der Bioenergetik bisher wenig Sympathie. Andere Wissenschaften, wie die Neurobiologie, Quantenphysik sind auf diesem Gebiet mit weniger Bedenken recht erfolgreich tätig.

Darüber hinaus hat sich Reich auch mit energetischen Prozessen im lebenden Organismus beschäftigt, die kein Physiologe leugnen wird. Es sind die elektrischen Ladungen an den Zellen, deren wechselndes Potential zu Strahlungseffekten führt, es sind die elektrischen Ströme, mit denen die Nerven kommunizieren, es sind die Elektronen, zu denen letztlich unsere Nahrung verstoffwechselt wird.

Wir sprechen von Energie nicht in einem symbolischen oder metaphorischen Sinn, sondern meinen reale biologische und physikalische Prozesse. Wir müssten sie als solche aber auch beschreiben.

Reich hat sich gegen Freuds Realitätsprinzip für das Lustprinzip entschieden. Er vertraut den inneren Impulsen und Bedürfnissen. Sie können für ihn sogar die Funktion äußerer moralischer Normen übernehmen. Er nennt als Ziel seiner Arbeit die Wiederherstellung der orgastischen Potenz. Wir würden vielleicht lieber von Autonomie sprechen.  In beiden Begriffen geht es aber darum, dass Menschen in die Lage versetzt werden, mit ihren tiefsten Wünschen, Impulsen und Wahrnehmungen in Kontakt zu kommen und entsprechend zu handeln. Denn nur dadurch kann der einzelne Mensch sein Überleben organisieren, garantieren und optimieren. Weil das Individuum aber nur als soziales Wesen existieren kann und in einem gesellschaftlichen System überleben muss, wird er als orgastisch potenter oder autonomer Mensch nicht egozentrisch, asozial oder kriminell sein können.

Diese Fähigkeit zu selbstbestimmtem Leben mag eine Utopie sein. Aber ohne wesentliche Fortschritte bei der Realisierung dieser Utopie wird das Überleben der Menschheit und dieses Planeten fraglich.

Deshalb bleibt auch Reichs Ansatz gültig und dringlich, unsere Arbeit nicht nur auf das einzeltherapeutische Setting zu beschränken.

Die bioenergetische Sichtweise für die Arbeit in präventiven Projekten, in der Beratungsarbeit von Familien, Unternehmen, Bildungseinrichtungen, oder gesellschaftlichen Strukturen fruchtbar zu machen, wäre ganz in der Tradition von Wilhelm Reich und könnte die Bioenergetische Analyse zu einem kritischen und kreativen Element gesellschaftlicher Entwicklung werden lassen.

Vor allem aber: Wir können alles diskutieren, kritisieren und weiter entwickeln, was Wilhelm Reich uns hinterlassen hat. Es kann nicht in Frage gestellt werden, dass er ein gründlicher und seriöser Wissenschaftler war.

 

Literatur:

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Bischof, M. (1995): Biophotonen, Das Licht in unseren Zellen. Verlag 2001

Boadella, D. (1981) Wilhelm Reich. Scherz, Bern, München

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