Rainer Mahr

 Körperkontakt in der Bioenergetischen Analyse

 Auf dem klinischen Forum in Frankreich 1992 hat Brigitte Dohmen aus Belgien einen ausführlichen Vortrag gehalten über  die Möglichkeiten und Probleme beim Körperkontakt zwischen Therapeut und Klient in der BA. Ich sah mich dann in meiner Praxis vor meinen Klientinnen sitzen, die gerade mit ihren ödipalen Phantasien und Wünschen  beschäftigt sind: Im Bewußtsein aller Ermahnungen und Verhaltensregeln werde ich starr, kontrolliert und ängstlich. "Nur keine Bewegungen, Reaktionen, Berührungen, Gesichtsregungen, die falsch, nämlich sexuell  verstanden werden könnten," denke ich.

In diesem Moment wußte ich, daß solch ein Konzept nicht angemessen sein kann: So müssen die kleinen Mädchen ihre Väter erleben, wenn sie stolz und begeistert mit ihrer neu  entwickelten Körperlichkeit und weiblichen Energie auf den geliebten Vater zugehen. "Warum erschreckt er sich so vor mir, zieht sich zurück, wird bleich und starr? Was habe ich falsch gemacht, was ist falsch an  mir? Er weist mich zurück, will meine Liebe nicht." Die Folgen, die solche eine Erfahrung auf die weitere Entwicklung der Identität als Frau und auf die Fähigkeit, sich zu öffnen und hinzugeben haben kann, ist uns  bekannt. Wir beschreiben sie mit dem Modell einer rigiden Charakteripruktur.

Ein körpertherapeutisches Setting, das wegen der Gefahr erotischer und sexueller Besetzung von Berührungen diese grundsätzlich ausschließt,  kann zu einer Wiederholung der traumatischen Erfahrungen der Klienten führen. Da diese Situation aber durch Vermeidungs- und Unterdrückungsverhalten des Therapeuten verursacht wird, kann ich mir die Bearbeitung nicht  vorstellen.

Wie versuche ich mit solchen Situationen umzugehen:

(Zwar beschreibe'ich Situationen aus Therapien mit Frauen, weil ich dabei die relevantesten Erfahrungen gemacht habe. Die Therapien mit Männern sind  ihnen aber bezüglich dieser Fragestellung vergleichbar.)

Wenn Frauen in der Therapie beginnen, ihre Identiät, ihren Körper, ihre Gefühle als Frau zu entdecken und zu mögen, zeigen sie das durch ihre Kleidung, ihre  Frisur, die Art und Weise wie sie gehen, sich verhalten, mein Aussehen kommentieren. Ich zeige ihnen klar und deutlich, daß ich diese Veränderungen bemerke, daß ich mich freue, daß sie dazu den Mut finden. Manchmal  merken sie vielleicht auch, daß ich darüber etwas stolz bin. Ich fühle mich dann oft in der Rolle des Vaters, der sich freut, wie sich seine Tochter zur schönen Frau entwickelt. Ich denke, daß dies den Frauen oft  Unterstützung gibt, auf einem guten Weg zu sein, auf einem Weg, der akzeptiert und begrüßt wird. "Ja, ich darf wirklich eine Frau sein, so fühlen, mich geben und zeigen."

Dann tauchen bei diesen Frauen  manchmal Bedürfnisse auf nach mehr Nähe zu mir. Sie erleben sie als erotische oder sexuelle Bedürfnisse und geraten in große Verwirrung, denn diesen Bereich darf es in der Beziehung zum Therapeuten nicht geben. Eine  Klientin glaubte, deshalb sogar die Therapie abbrechen zu müssen. Darauf reagiere ich häufig mit dem Hinweis, daß ich diese ihre Gefühle zu mir verstehe, damit rechne. Es ist ihnen jetzt möglich, ihre Zuneigung oder  Liebe zu mir nicht nur im Kopf zu wissen, sondern auch im Körper zu spüren. So zu empfinden ist ihr gutes Recht. Daß ich als Therapeut ihre erotischen und sexuellen Bedürfnisse nicht erfülle, ist für sie momentan  vielleicht schmerzlich, aber Bestandteil des therapeutischen Settings. Ich achte also darauf, daß diese Gefühle ihre Berechtigung behalten, auch in der therapeutischen Situation. Denn nun ist es möglich, daß diese Frau  sich mit ihnen und mit ihren diesbezüglichen Ängsten auseinandersetzen kann: Sie äußert z.B. den Wunsch, in meiner Nähe zu sitzen, von mir in den Arm genommen zu werden. Ich fordere sie auf, es doch auszuprobieren. Sie  stellt es sich vor oder versucht, sich mir zu nähern. Dabei werden ihre Ängste stärker, alte Bilder und Erinnerungen tauchen auf, oder die anfänglichen Ängste nehmen immer mehr ab. Manchmal habe ich diese Frau  schließlich im Arm und sie merkt erstaunt, daß die erotischen und sexuellen Gefühle verschwunden sind. Sie fühlt sich einfach geborgen und gehalten. Das wollte sie doch auch schon immer: vom Vater geborgen und gehalten  sein - auch als Mädchen und Frau.

Es gibt auch Situationen, in denen ich einer Frau sage, daß ich sie jetzt in den Arm nehmen möchte. Als Reaktion kann Abwehr und Angst auftauchen, die wir uns anschauen können. Es  kann auch sein, daß sie begeistert auf das Angebot eingeht. Dann merkt sie aber, wie sie kalt und starr wird, sich innerlich zurückzieht, daß sie "nur so tun kann als ob", daß sie schon immer auf diese Weise  ihre Männerbeziehungen lebt und gestalten muß.

Ich habe einmal mit einer Frau gearbeitet, die in ihrer Kindheit und in ihrer langjährigen Ehe viel sexuellen Mißbrauch und Gewalt erlebt hat. Männer hat sie nie in einer  anderen Rolle kennengelernt. Als nach langer Zeit ihr Mißtrauen mir gegenüber zu schwinden begann, suchte sie Halt und Geborgenheit, indem sie ihren Kopf an meine Brust legte. Dabei macht sie die Erfahrung, daß man  einem Mann nahe sein kann, ohne von ihm geschlagen und mißbraucht zu werden. Das erlebt sie wie ein Wunder. Dabei betont sie aber immer, daß sie nicht als Frau, sondern als Mensch an meiner Brust liegt. Hier frage ich  nach, will wissen, was sie damit meint. Mit viel Mühe und Scham meint sie, daß ich nicht merken soll, daß sie Brüste hat. Ich sage ihr, daß ich das natürlich merke, weiß und spüre, daß sie eine Frau ist. Diese Szenen  wiederholen sich immer und immer wieder, bis sie allmählich ihre Bewußtheit, eine Frau zu sein, im Kontakt mit mir nicht mehr ignorieren muß.

Dabei habe ich das Gefühl, ein Mädchen sucht die Nähe zu ihrem Vater als  Mann, will ihn als solchen spüren und entdecken. Dies zeigt sich dann auch, wenn sie mit ihren Händen meinen Bart oder meine Augenbrauen spüren will. Doch nach einiger Zeit schlägt mein Gefühl um. Was hier geschieht,  ist für mich nicht mehr klar, beginnt unangenehm zu werden. Auch will sie nicht mehr, daß ich sie in dieser Situation anschaue. Das lasse ich mir natürlich nicht verbieten, sondern frage nach ihren Bildern und Gefühlen,  wie das für sie ist, wenn sie mir so nahe ist, mein Gesicht berührt. Sie reagiert verärgert, fühlt sich gestört. Ich konfrontiere sie damit aber immer wieder. Eines Tages erzählt sie mir dann, daß sie mich liebt, daß  sie nur noch in die Therapie kommt, um mir, auch körperlich, nahe zu sein. Da sie es nun aber bekennt, auch öffentlich, kann sie ihre Illusionen nicht mehr aufrecht erhalten. Es gibt für sie derzeit eigentlich kein  Bedürfnis mehr nach Therapie, also muß sie sich verabschieden. Kollegen haben mir damals geraten, die Therapie nicht zu beenden, denn in dieser Situation gäbe es noch viel zu klären und zu bearbeiten, vor allem die  enttäuschten Bedürfnisse und die Trennungsgefühle. Ich habe es nicht getan. Wie kann ich jemandem in seinem Schmerz beistehen, den ich ihm selbst zugefügt habe? Ein Vater, der von seiner verärgerten Tochter verlassen  wird, weil er ihre Liebesangebote nicht annimmt, kann sie deshalb nicht gleichzeitig trösten. Er muß sie gehen lassen. Diese Klientin kam auch nie mehr in die Therapie zurück. Sie hat mir viele Briefe geschrieben, die  ich nie beantwortet habe. Darin hat sie mir immer wieder ihren Schmerz geschildert. Nach und nach hat sie mir erzählt, daß sie andere Männer versucht hat kennenzulernen, mein Bild aber immer störend dazwischen steht.  Inzwischen lebt sie trotz verschiedener Männerbeziehungen immer noch allein. Sie ist glücklich, eine Frau zu sein und mag es, ihren Körper zu zeigen und zu bewegen - sie ist leidenschaftliche Bauchtänzerin geworden.

 In einer anderen Therapie war eines Tages eine Frau mit dem Bedürfnis nach Nähe beschäftigt, fühlte sich gleichzeitig sehr hilflos und allein. Ich wollte ihr vorschlagen, ihre Bedürfnisse deutlicher wahrzunehmen und  dann zu versuchen, sie mir gegenüber zu äußern. Da sah ich sie plötzlich als ganz kleines Mädchen vor mir, und meine Forderung, sie soll Klarheit +ber ihre Bedürfnisse haben, sie mir gegenüber artikulieren, wurde  absurd. Ich ging hin, nahm dieses kleine, hilflose Wesen in den Arm. Da konnte sie tiefer durchatmen und sich entspannen. Doch nach einiger Zeit merkt sie, daß sie mit ihren Gedanken abschweift, ihr Körper steif wird.  Ich müßte mich eigentlich vor ihrem Körper ekeln, meint sie, denn sie findet ihn ja selbst abscheulich. Dann tauchen schreckliche Bilder von sexuellem Mißbrauch auf. Nach solchen Prozessen ist dann das Bedürfnis wieder  da, von mir im Arm gehalten und getröstet zu werden. Sie muß spüren, nicht allein zu sein, auch körperlich nicht verachtet zu werden.

Eine andere Frau droht in der Therapie immer wieder in ein tiefes Loch zu fallen,  in dem sie nicht mehr reagieren noch reden kann. Es tauchen auch keine Bilder mehr auf und auch das Durchhalten solcher Situationen wird von ihr und von mir als sinnlos erlebt. Da hat sich das Ritual entwickelt, daß sie  vor mir sitzt und ich ihr nur den Rücken stütze oder Kopf, Nacken und Wirbelsäule massiere. Immer öfter reagiert sie dabei mit starkem Gegendruck. Kürzlich sagte sie mir dazu: " Wenn ich mit ihnen rede, erlebe ich  Kontakt und eine Beziehung. Aber bei diesem Stützen spüre ich mich in mir selbst."

Natürlich gibt es viele Klienten, die ich selten oder nie berühre, bei denen ich immer warten würde, bis sie den Wusch haben und  sich trauen, zu mir Körperkontakt herzustellen. Bisweilen lasse ich aber auch sehr viel Körperkontakt zu und initiiere ihn auch gezielt und bewußt. Ich weiß, daß ich damit Übertagungsprozesse auslöse und intensiviere.  Die Arbeit mit der Übertragungsbeziehung hat aber den großen Vorteil, daß nicht mehr über die Konflikte des Klienten geredet oder gearbeitet wird, sondern daß sie unmittelbar präsent und für alle Beteiligten erlebbar  werden.

Bei dieser Vorgehensweise ist nicht die Vorstellung leitend, daß Körperkontakt human ist, gut tut und daher hilfreich ist. Ich will mit ihm Empfindungen, Bilder, Erinnerungen, Gefühle provozieren, stimulieren  oder verstärken. Deshalb muß ich immer genau schauen und fragen, wie der Kontakt ankommt, was er bewirkt. Manchmal löst er gar nichts aus, stört einfach nur, manchmal entspricht er meinen Erwartungen und manchmal stößt  er ganz neue Türen auf, führt zu tieferen Schichten der Persönlichkeit der Klienten.

Ich betrachte den Körperkontakt als ein Mittel der Kommunikation. Ob die Kommunikation klappt, hängt wie beim Gespräch davon ab, daß  sie offen, klar und sensibel ist, daß sie dem anderen Raum läßt, zu antworten, daß seine Antworten wahr und ernst genommen werden. Wenn ich aber ständig damit beschäftigt bin, die Klienten mit ihren körperlichen  Kommunikationsversuchen mir vom Leib zu halten - was ergeben sich daraus für traurige und verrückte Botschaften!

 

[Bioenergetiktor] [energie] [energy] [Kkontakt] [migraene] [physik] [source-e] [source-d] [Reich] [relationship] [energyBA] [Energie Definition] [energydefinition] [Beziehung] [BAPosition] [BAPosEng] [Wissenschaft] [competent infant] [comp deutsch] [Functional Identity] [Reich 2009] [Funktion Deutsch] [Wasbleibt] [Begriff Beziehung] [Biologische Sicht] [Biological Viev] [BA - humanistisch] [Fühlen - Denken]

Datenschutzerklärung  Impressum