© Rainer Mahr


    Das “Grounding”  bioenergetischer Konzepte aus biologischer Sicht.


    (Vortrag fr den Kongress des International Institute for Bioenergetic Analysis, 29.5. – 2.6.2013 auf Sizilien: The Grounded Body as a Save Place in Difficult Times)

    Zwei Hypothesen  enthlt  die berschrift zu diesem Text, die fr das Verstndnis  und die Weiter-entwicklung der Bioenergetischen Analyse wichtig  sein knnten:
    1.  Die Konzepte der Bioenergetischen Analyse brauchen ein klareres Grounding.
    2.  Das Grounding der Bioenergetischen  Analyse ist seine biologische Sichtweise.  Oder, es ist frderlich, bioenergetische Konzepte durch eine biologische Brille zu betrachten.
    Bioenergetische Konzepte arbeiten mit der Vorstellung, dass psychische Befindlichkeiten immer zu  einem spezifischen krperlichen Ausdruck fhren, und dass das psychische Geschehen mit krperlichen Interventionen beeinflusst werden kann. In der praktischen Arbeit wird dies auch immer wieder erfahren: Atemarbeit verbessert z.B. die Wahrnehmung von Emotionen, krperliche Aktivitten knnen das Energieniveau steigern, usw. Die Beschreibung der biologischen Prozesse, die diese Wirkung schaffen, sind aber hufig ungenau bis unzutreffend. Wenn z.B. von blockierten Energien in der Skelettmuskulatur gesprochen wird, die mit bioenergetischen bungen wieder in Fluss gebracht werden, dann beschreibt das nicht, was im Organismus wirklich passiert. Aber nur mit mglichst genauem Wissen ber diese Zusammenhnge kann das Potential der bio-energetischen Sichtweise und Arbeit erschlossen werden. Seit Jahren bemht sich die Bioenerge-tische Analyse darum, wissenschaftliche Nachweise fr die Wirksamkeit ihrer Methode zu schaffen – mit bescheidenem Erfolg. Weil die gewnschten Wirkungen im biologischen System stattfinden sollen, mssen dort spezifisch vernderte Faktoren nachweisbar sein,  d.h. sie mssen beobachtbar und messbar sein. Voraussetzung dafr ist aber, dass die bioenergetischen Hypothesen so formuliert sind, dass auch gezhlt und gemessen werden kann. Viele solcher Wechselwirkungen zwischen biologischem und psychischem Geschehen werden inzwischen von anderen Wissenschaften erforscht, z.B. von der Neurobiologie oder Neuropsychoimmunologie, und die Bioenergetische Analyse kann ihre Erkenntnisse nutzen, um ihre Theorie und Praxis zu verbessern. Da aber Philosophie, Wissenschaftsverstndnis, Interessen und Fokus der einzelnen Disziplinen unterschiedlich sind, knnen ihre Folgerungen aus den gewonnenen Daten nicht unreflektiert bernommen und in ein anderes System wie z.B. die Bioenergetische Analyse integriert werden. Um dies aber leisten zu knnen, muss die Bioenergetische Analyse selbst eine klare und stabile Struktur ihres Systems haben, ein Fundament, das es mglich macht, die Bedeutung neuer Aspekte fr das eigene Konzept und die eigene Praxis zu ermitteln.  Solch ein Fundament nennen wir in der Bioenergetischen Analyse Grounding`.
    Das Grounding der Bioenergetischen Analyse ist die biologische Sicht des psychotherapeutischen Geschehens.
    Nicht nur wir Therapeuten oder unsere Klienten brauchen ein gutes Grounding. Es gilt auch, das Grounding  bioenergetischer Konzepte zu berprfen, zu pflegen und zu stabilisieren, was im Folgenden versucht werden soll.
    Dabei werden mehrere Themen berhrt , die fr die bioenergetische Theorie und Praxis wichtig sind. Sie knnen in diesem Rahmen aber nicht ausfhrlich dargestellt werden. Dies ist ein Versuch, die bioenergetische Arbeit in seiner Gesamtheit mit der biologischen Brille zu beschreiben. Eine Blaupause soll entwickelt werden, mit der psychotherapeutische Prozesse verstanden und beschrieben werden knnen.

    1.Krper, Seele, Geist sind funktional identisch
    Zum Grounding bioenergetischer Konzepte gehrt ihre Hypothese von der funktionalen Identitt von Krper Seele und Geist“. Krperliche Befindlichkeiten knnen in Stimmungen und Gefhlen ihren Ausdruck finden, Gefhle beeinflussen krperliche Reaktionen, Haltung, Stimme, Atmung usw. Zwischen krperlichen Strukturen und seelisch-geistigen Zustnden gibt es eine Wechselwirkung. Wir beschreiben es als eine Wechselwirkung zwischen zwei selbstndigen Einheiten, hnlich der Wechselwirkung zwischen unterschiedlichen Organen. Mit solch einer Vorstellung geraten wir aber wieder in eine dualistische Denkweise, die mit der Formulierung von der funktionalen Identitt von Krper, Seele, Geist“ eigentlich berwunden werden sollte. Durch viele aktuellen Erfahrungen und Diskussionen im spirituellen und esoterischen Bereich wird diese dualistische Sichtweise zwar gesttzt und neu belebt. Die vorherrschende wissenschaftliche Sichtweise aber, die besonders durch die Neurowissenschaften geprgt ist und der die Bioenergetische Analyse sich verpflichtet fhlt, beschreibt Psychisches und Geistiges mit neuronalen und chemischen Kategorien. Das ist eine eindeutig biologische, monistische Sichtweise.
    In dieser biologischen Sichtweise sind krperliche Prozesse und Psychisch-Geistiges exakt dasselbe. Diese Gleichsetzung wird inzwischen aber in einem ausfhrlichen Diskurs von Medizinern, Psychologen und Philosophen heftig kritisiert. Fr diese Gleichsetzung gbe es berhaupt keine wissenschaftlichen Befunde. Es seien nur Behauptungen unter Verwendung von Begriffen, die aus der Psychologie und Philosophie stammen. Selbst der Begriff identisch` ist unpassend, weil er nur fr Dinge oder Phnomene gilt, die wirklich gleich sind. (Tretter, Grnhut).
    Wie kann nun der Satz von der `funktionalen Identitt von Krper-Seele-Geist“ verstanden werden, wenn der Begriff identisch` nicht zutreffend ist, und wenn Krperliches und Seelisch-Geistiges nicht wie zwei unterschiedliche Wesen oder Organe gesehen werden knnen, wenn es im Menschen nur biologische Prozesse gibt?
    Man kann vielleicht sagen, dass biologische Prozesse im Menschen unter bestimmten Umstnden psychische und geistige Phnomene erschaffen. Es wre ein qualitativer Sprung auf eine neue Ebene, hnlich dem Sprung vom Unorganischen, Materiellen zum Lebendigen. (Mehr dazu in Kap. 4 )

    2.Strukturen und Arbeitsprinzipien des menschlichen Organismus.
    Da die Bioenergetische Analyse ihren Focus auf die krperlichen Prozesse richtet und versucht, psychisches Geschehen auf diese Weise zu verstehen und zu beeinflussen, mssen wesentliche Strukturen, Arbeitsprinzipien und Funktionszusammenhnge des menschlichen Organismus Beachtung finden, die das psychische Erleben schaffen oder beeinflussen:
    1. Der Mensch ist ein biologisches Wesen. D.h., er organisiert sein Leben ausschlielich mit biologischen, chemischen und physikalischen Prozessen.
    Sie sind beobachtbar, messbar und beeinflussbar. Von ihrer Wirksamkeit sind Gesundheit und Lebendigkeit des menschlichen Organismus abhngig.
    2. Was ist der Sinn dieser biologischen Prozesse? Oder: Was ist der Sinn des Lebens?
    Diese Frage beschftigt  die Menschen auf unterschiedliche Weise bis zu ihrem Tod. Philosophie und Religion entwickeln vielfltige Ideen und Vorschlge mit unterschiedlicher Wirkung. 
    Aus biologischer Sicht gibt es nur eine Antwort: Was Menschen auch immer tun und versuchen, es geht nur darum, zu berleben, besser und leichter zu berleben, den Fortbestand zu garantieren. Tagtglich machen die Menschen neue, mehr oder weniger hilfreiche Erfahrungen, kommen zu neuen Erkenntnissen ber sich und die Welt. Auch diese sind nicht Selbstzweck, sondern knnen und sollen helfen, unsere Existenz zu stabilisieren. Das einzig wichtige Kriterium dafr, ob eine neue Erkenntnis, ein neues Produkt oder eine psychotherapeutische Methode gut oder schlecht ist, ist ihr Wert fr die Erhaltung von Leben und Welt.
    3. Alle lebendigen Prozesse finden in den Zellen statt. Jede Zelle ist aber ein vollstndiges, eigenstndiges Lebewesen.
    Der menschliche Organismus ist der Zusammenschluss von unzhligen einzelligen Lebewesen. Irgendwann haben sich diese einzelligen Lebewesen zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. Mglicherweise war auf diese Weise das berleben leichter zu garantieren.

    Fr die krperpsychotherapeutische Sichtweise ist dies von groer Bedeutung, denn ihr neuer Fokus auf die neuronalen Prozesse und die Muskelstrukturen  ignoriert gleichzeitig einen riesigen Teil der menschlichen Realitt: Jede Zelle ist Mitbesitzer und Gestalter des Menschen, nicht sein Untergebender und Diener.  Jede Zelle, jeder Zellverband ist durch die gesamte Entwicklung des Menschen mit geprgt oder konfiguriert. Jede Zelle ist dann auch in irgendeiner Weise an den Lebensprozessen und ihrer Vernderung beteiligt. Werden sie mit therapeutischen Interventionen nicht direkt oder indirekt erreicht, kann auch die Neuorientierung des Systems nur teilweise gelingen.

    4.Diese Lebensgemeinschaft einzelliger Lebewesen hat arbeitsteilige Strukturen entwickelt, die miteinander vernetzt und koordiniert arbeiten.
    Um sich aber gegenseitig informieren zu knnen und die Versorgung mit notwendigen Materialien zu realisieren, gibt es entsprechende Informationskanle und Versorgungswege:

    1.Kreislaufsystem
    2.Zentralnervensystem (ZNS)
    (Die neuronalen Prozesse, mit denen das ZNS arbeitet, haben eine Funktion fr diese Lebensgemeinschaft, sind aber nicht das Leben oder der Kern dieses Lebens selbst.)
    3.Autonomes (Vegetatives) Nervensystem
    (autonom, weil  die Anpassungen reflektorisch, unwillkrlich geschehen)
    4.Atmungssystem
    5.Hormonsystem
    6.Lymphsystem
    7.Photonensystem
    8.Andere, unbekannte Systeme

    Viele therapeutische Konzepte, auch krperpsychotherapeutischer Art, versuchen, diese Versorgungs- und Kommunikationswege zu beeinflussen, was sicher sehr wichtig und effektiv sein kann. Die eigentlichen Lebensprozesse finden aber nicht dort, sondern in den Zellen selbst statt. Allerdings sind diese Informations- und Versorgungssysteme selbst aus Zellstrukturen aufgebaut.
    Diese komplexe und verwirrende Situation kann vielleicht folgende Vorstellung verdeutlichen: Menschen wollen einen Fluss berqueren, es gibt aber keine Brcke. Die beteiligten Frauen mit ihren Kindern knnen nicht schwimmen. Da steigt ein Teil dieser Gruppe selbst in den Fluss, um mit ihren Krpern eine Brcke zu schaffen. Sie sind und bleiben menschliche Wesen, sind gleichzeitig aber auch eine Brcke.

    5. Diese Lebensgemeinschaft arbeitet weitgehend mit dem Prinzip der Selbstregulation.
    Z.B.: Die Zellen im menschlichen Organismus brauchen eine konstante Temperatur von 37 Celsius. Wenn diese Temperatur durch eine hhere Auentemperatur oder durch schwere Arbeit  berschritten wird, beginnt der Organismus zu schwitzen und versucht, sich auf die normale Temperatur herunter zu khlen. 
    Diese Prozesse der Selbstregulation beschrnken sich nicht nur auf die Strukturen innerhalb des Organismus.  Wenn sich die Umweltbedingungen verndern, in denen sich der menschliche Organismus bewegt,  dann muss er sich diesen neuen Bedingungen anpassen knnen (Klimawandel, verndertes Nahrungsangebot  usw.) - und das kann er auch.
    Schlielich braucht er auch die Fhigkeit, die Beziehungen zu seiner sozialen Umwelt zu regulieren: 
    Wenn er gezwungen ist, mit Nachbarn zu leben, dann sollte er sie mglichst nicht stren oder verrgern. Er muss verhindern, dass sie ihm schaden, er muss den Kontakt pflegen, damit sie ihm helfen, wenn er Hilfe braucht. 
    Will dieser Mensch Nachkommen, weil er im Alter gepflegt werden will oder seine Genialitt der Menschheit  vererben will,  dann muss er sich verlieben und Kinder haben knnen. Soziale Kompetenz ist notwendig, um die Bedingungen fr optimales Leben regulieren zu knnen.


    3.  Verhaltensmuster
    Der menschliche Organismus ist ein unglaublich komplexes System, in dem stndig gemessen, geprft und reguliert werden muss.  Um diese Arbeiten zu vereinfachen, sind verschiedene Aktivitten zu sog. Verhaltensmustern zusammengefasst.
    Wer das erste Mal am Steuer eines Autos sitzt, hat fr Autofahren noch kein Verhaltensmuster entwickelt. Entsprechend schwierig ist es, an alle notwendigen Handgriffe zu denken, den Verkehr zu beobachten und dies alles in einer koordinierten Abfolge. Erst mit einigem Training entwickelt sich  die Fhigkeit, all diese Dinge fast automatisch zu machen. Mit solch einem Muster kann man dann sicher und entspannt Auto fahren, sich sogar noch unterhalten und die Landschaft genieen.
    Die meisten unserer Aktionen bestehen aus solchen Verhaltensmustern. Wollen wir uns z.B. von einem Ort zum anderen bewegen, stehen wir einfach auf und gehen hin. Aber fr diese Bewegung mssen wir uns von unserm Stuhl erheben, schauen, wo unser Ziel ist, sich ihm zuwenden, einen Fu in diese Richtung bewegen, das Gewicht des Krpers auf diesen Fu verlagern, den 2. Fu in die gleiche Richtung bewegen usw. Diese sehr komplexe Angelegenheit wird dadurch vereinfacht, dass mit dem Impuls, gehen zu wollen, ein Muster aufgerufen wird, das alle notwendigen Bewegungen gespeichert hat und nun koordiniert ablaufen lsst. 
    Auch unsere psychischen und sozialen Handlungen sind mit solchen Mustern vorgegeben. Sie entstehen im Laufe unserer Entwicklung und Erziehung. Viele sind auch angeboren oder in der Embryonalentwicklung durch die Konfiguration spezifischer genetischer Strukturen entstanden.
    Diese Muster sind in einer ganz spezifischen Lebenswirklichkeit erworben worden und auch auf diese Bedingungen abgestimmt:
    Ein Mensch, der im Urwald aufgewachsen ist, hat Muster erworben, mit denen er dort ausgezeichnet leben kann. Kommt er aber in eine Grostadt, wird er diese eher als bedrohlich erleben, sich ziemlich hilflos fhlen. Er hat keine Verhaltensmuster fr diese Wirklichkeit. Er muss sie verndern oder ganz neue entwickeln. Umso schneller sich die Lebensbedingungen eines Menschen verndern, umso mehr muss er dazu in der Lage sein.
    Die neurobiologische Forschung konnte mit entsprechenden Untersuchungen zeigen, wie tief solche Muster im Menschen verwurzelt sind: Noch bevor uns bewusst wird, dieses zu tun oder jenes zu lassen, lsst sich durch die vernderten Aktivitten im Gehirn vorhersagen, was geschehen wird. Es wird ein Muster aktiviert. Daraus haben neurobiologische Forscher den Schluss gezogen, dass es keine autonomen Entscheidungen des Menschen geben kann. Es gibt keinen freien Willen. Andere Gruppen, auch Juristen diskutieren deshalb inzwischen, ob es berhaupt sinnvoll ist, Menschen fr ihr Handeln verantwortlich zu machen und zu bestrafen. Es sind biologische Prozesse, die jemanden  zum Straftter machen, ihn selbst trifft keine Schuld.
    Wenn diese Schlussfolgerungen aus den wissenschaftlichen Befunden zutreffen, dann macht  Psychotherapie keinen Sinn mehr.  Die Verhaltensmuster sind biologisch fest verankert, und der Beeinflussung nicht zugnglich. Jeder Raucher, Trinker oder Junkie, der verzweifelt versucht hat, sich von seiner Sucht zu befreien, wird das besttigen.
    Zu solchen Schlussfolgerungen aus den wissenschaftlichen Befunden kommt es durch eine dualistische Sichtweise des Menschen.  Die biologischen Prozesse als Quelle fr bestimmte Verhaltensmuster sind von der Persnlichkeit des Menschen mit seinen Entscheidungsmglichkeiten abgespalten.  Was aus der Tiefe der neuronalen Strukturen kommt, hat nichts mit der Person zu tun, dafr ist er auch nicht verantwortlich.
    Nach der ganzheitlichen Sichtweise der Bioenergetischen Analyse gehren diese biologischen Prozesse, so unbewusst sie auch sein mgen, zu seiner Person und zu seiner Charakterstruktur.  So schwer es auch sein mag, manche Verhaltensmuster zu verndern, prinzipiell ist dies mglich. Stndig sind wir Menschen mit berlegungen beschftigt, diesem oder jenem Bedrfnis vielleicht doch nicht nachzugeben, Verhaltensweisen zu verndern, und oft sind wir auch erfolgreich.
    Seit ber 60 Jahren werden in West - Europa Konflikte zwischen Nationen  in Verhandlungen geregelt statt  auf dem Schlachtfeld.  D.h., nach zwei schrecklichen Weltkriegen  wurde das archaische Verhaltensmuster verndert, unterschiedliche Interessen zwischen Vlkern mit Krieg  zu entscheiden.
    Es kann nicht darum gehen, die Institution der freien Willensentscheidung in Frage zu stellen. Wenn unsere Welt und unsere Gesellschaften berleben soll und wir die anstehenden Probleme lsen wollen, dann mssen die Menschen in der Lage sein, immer wieder und schneller Verhaltensmuster  zu  verndern. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr feien Willen.
    Denkweisen, Verhaltensweisen, die unser Leben bestimmen, zu verstehen, zu reflektieren und Vernderung zu ermglichen, ist der Kern psychotherapeutischer Arbeit, unabhngig von der eingesetzten Methode.

    4.  Emotionen, Gefhle, Gedanken
    Der menschliche Organismus ist so organisiert, dass er seine Bedrfnisse erfllen und Probleme selbst lsen kann. Wenn er dazu nicht mehr in der Lage ist, selbstregulierend neue Muster zu schaffen oder Strungen zu beseitigen, muss von  auen  eingegriffen werden, um neue Muster zu entwickeln.
    Dazu ist es erst einmal notwendig, etwas ber die Strung des Systems zu erfahren: Hat sich ein Mensch gefhrlich am Fu verletzt, dann muss er das sehen, spren und als Gefahr verstehen. Er sieht das Blut aus der Wunde laufen, sprt den Schmerz und bekommt Angst. Ohne diese Informationen wird er sich nicht helfen knnen, denn er wei ja nichts von seinem Problem.
    Man kann diese Situation mit einem Computer vergleichen, bei dem der Bildschirm ausgefallen ist. Der Rechner selbst arbeitet weiter, aber niemand wei, was er macht, niemand kann ihn beeinflussen. Die Worte, Bilder und Tne auf dem Bildschirm zeigen uns an, was in ihm gerade vorgeht. Es gibt sie aber nicht im Rechner selbst, sondern bestimmte Rechenergebnisse werden als Worte, Bilder, Tne auf dem Bildschirm prsentiert.
    All diese Informationen wie der Schmerz, die Angst, zeigen an, dass der Organismus in Gefahr ist, Untersttzung braucht oder mit Verhaltensmustern arbeitet, die ihm in seiner Lebenswirklichkeit nicht helfen.
    Diese notwendigen Informationen sind physiologisch gesehen Messdaten. Sie werden uns aber wie auf einem Bildschirm als Emotionen und Gefhle prsentiert. Sie werden vom biologischen System geschaffen, existieren aber nicht als Dinge an sich.
    Eine CD mit Klaviermusik enthlt auch kein Klavier. Es klingt nur wie ein Klavier.
    Diese Gefhle und Emotionen knnen andere biologische Strukturen aktivieren, die neue Verhaltensweisen durchprobieren und den Zustand des Systems verbessern. Dazu gehren auch die geistigen Fhigkeiten, zu denken, Verstand und der kreative Geist.
    Nur weil Gefhle und Emotionen Auskunft ber den Zustand unseres biologischen Systems geben, ist es von existenzieller Bedeutung, dass wir sie wahr nehmen und verstehen knnen. Auerdem ist es wichtig, dass sie die reale Situation angemessen anzeigen: Stammt der Donner, der mir Angst macht, von einem Gewitter oder nhern sich Panzer wie ich sie schon einmal in meiner Kindheit erlebt habe, die dann unser Haus mit vielen Menschen zerstrt haben?  Nur wenn Gefhle und Emotionen nicht mit Erfahrungen vermischt sind, die nicht aus der realen Situation stammen, knnen sie fr die Selbstregulierung hilfreich werden. Oder die Vermischung mit nicht aktuellen Erfahrungen muss wenigstens bewusst sein. Entscheidungen, die nur dem Bauchgefhl` folgen, fhren daher nicht immer auch zu den sinnvollsten Verhaltensweisen.
    Gefhle, Geist und Bewusstsein eines Menschen sind nicht entwickelt worden, um unser Leben schner, interessanter und abwechslungsreicher zu machen,  sondern ausschlielich,  um berleben zu knnen. Diese psychische und geistige Welt existiert auch nicht parallel und unabhngig vom biologischen Organismus, sie ist sein Produkt. Das Psychische besteht immer nur aus biologischen Strukturen, die den Zustand des Systems darstellen.  NUR“ klingt oft etwas abwertend oder resigniert.  Das Psychische und Geistige ist nur Produkt des Biologischen  Systems“.  Vielleicht ist es besser zu sagen, dass bestimmte biologische Strukturen und Bedingungen etwas ganz Neues, das Psychische und Geistige entstehen lassen. Ein Diamant besteht auch nur aus Kohlenstoff. Erst unter hohem Druck, bei hoher Temperatur und nach einer aufwendigen Bearbeitung wird er zum wertvollen Edelstein.  Musik, die uns tief berhren und beeinflussen kann, hat eine physikalische Basis. Sie entsteht aus einer Abfolge unterschiedlicher Frequenzen im Wechsel von unterschiedlich langen Pausen.
    hnlich ist es mit uns Menschen: Das Psychische ist die geniale Struktur, um die Vorgnge dieses biologischen Organismus Mensch wahr zu nehmen, verstehen  und beeinflussen zu knnen.  Hufig liefern uns diese Empfindungen, Gefhle, Bilder schneller, prziser  und umfassender Daten ber die Funktionen unseres Organismus, als dies lange Listen mit Laborwerten knnen – wenn wir diese Empfindungen und Gefhle wahr und ernst nehmen.
    Um aber diese vielfltigen Gefhle erzeugen zu knnen, die dann auf unserem Bildschirm“ erscheinen sollen, braucht es den ganzen, lebendigen und funktionierenden Krper. Das Gehirn mit seinen neuronalen Strukturen gengt nicht, weil seine Funktion ja nur darin besteht, die Daten, die der Krper liefert, zu sammeln, zu interpretieren, zu koordinieren und zu steuern.


    5.  Strungen in der Selbstregulation
    Die biologische Sichtweise beschreibt den menschlichen Organismus als ein selbstregulierendes System, das sich sehr flexibel korrigieren und vernderten Lebensbedingungen anpassen kann. Wie in jedem System kann es trotzdem zu Strungen kommen, die auf diese Weise nicht zu beheben sind und zu einer bedrohlichen Situation werden knnen. Deshalb hat die Menschheit sehr vielfltige Heilsysteme entwickelt, mit denen er versucht, diese Strungen zu beseitigen. Unabhngig von der Qualitt der verschiedenen Methoden, sind sie aber alle mit einer unvorstellbar komplexen Regulationsstruktur konfrontiert, die sich oft nicht umfassend berblicken lsst, denn die Regelkreise sind sehr vielfltig ineinander verschachtelt. Die direkte Intervention in das System ist deshalb oft nicht sehr erfolgreich.
    Ein Mann versucht z.B. seinen Testosteronmangel  mit Medikamenten auszugleichen, weil seine sexuelle Lust nachgelassen hat. Trotz vieler Medikamente steigt  der Wert aber nicht an, denn ein anderer Teil des Organismus will das Leiden dieses Mannes lindern, der keinen neuen Sexualpartner  findet. Also wird das Testosteronniveau immer wieder herunter geregelt, nach dem Motto, keine Lust, kein Leid. Der Versuch, von auen in den Regelmechanismus einzugreifen, kann nicht erfolgreich werden, denn beide Bemhungen arbeiten gegeneinander.

    Das  Konzept der Selbstregulierung scheint vor allem durch 3 Probleme gestrt werden zu knnen:
    1.Die Zellen selbst werden defekt. Giftstoffe und ihr Alter spielen dabei eine groe Rolle.
    2.Die Versorgung der Zellen mit Nhrstoffen und die Kommunikation der Zellen untereinander ist gestrt.
    3.Die Verhaltensmuster lassen sich nicht an die vernderten Lebensbedingungen anpassen. 

    Die beiden ersten Strungsbereiche knnen in der Regel psychotherapeutisch nicht behandelt werden.  Dagegen ist der  Bereich der Verhaltensmuster  das  spezifische Arbeitsgebiet von Psychotherapie, mit welcher Methode sie auch arbeiten mag. Es geht in der Psychotherapie immer um die Frage,  welche Faktoren die Vernderung von Verhaltensmustern und damit die Selbstregulierung be- oder verhindern. In das System der Selbstregulierung selbst wird dabei nicht eingegriffen. Es wird nur versucht, es wieder  zu aktivieren.
    Neben traumatischen Erfahrungen sind es Normen der Erziehung, kulturelle, soziale und religise Vorstellungen, die die Entwicklung alternativer Verhaltensmuster beeintrchtigen. Wilhelm Reich nannte es Biopathie“(Reich, S.167ff). 
    Die Blockierungen, die in der therapeutischen Arbeit gelst werden sollen, beziehen sich also auf blockierte selbstregulierende Prozesse. Die krperpsychotherapeutischen Konzepte mit ihren Interventionen,  wie Vertiefung der Atmung, Muskelentspannung, Stressreduktion usw., scheinen genau in diesem Bereich wirksam zu sein.  Sie versuchen, die Faktoren zu minimieren, die die Selbstregulation behindern.
    Wenn wir in der Bioenergetischen Analyse von den blockierten Energien sprechen, die gelst und wieder in Fluss gebracht werden sollen, dann meinen wir die Aktivierung der Selbstregulierung auf biologischer Ebene und nicht irgendeine Substanz Energie“. Hilfreicher kann die allgemeine Definition dieses Begriffs in der Physik sein. Energie ist die Fhigkeit, Arbeit zu verrichten“(Tipler S. 129; Mahr). Auch in der Physik geht es nicht um eine Substanz, von der mehr oder weniger vorhanden ist, oder die blockiert ist, sondern um einen dynamischen Prozess, der sich auf sehr unterschiedliche Weise entfalten kann (als mechanische, potenzielle, magnetische, elektrische Energie usw.) In unserem Organismus kann sich der Kreislauf verbessern, der Stoffwechsel angeregt werden, das Hormonsystem intensiver funktionieren, oder das Immunsystem  krftiger arbeiten. In all diesen Prozessen steigt das `Energieniveau`, nmlich die Fhigkeit des Systems intensiver zu arbeiten. 
    Wenn wir in der Bioenergetischen Analyse davon sprechen, dass Energie blockiert ist, oder  wieder zu flieen beginnt, dann sagen wir zwar, dass sich ein Krper lebendiger anfhlt, sehen ihn beweglicher, strahlender, machen aber keine Aussage ber den biologischen, selbst regulierenden Prozess, der unterbrochen, behindert oder wieder aktiviert worden ist.


    6.  Die Arbeit mit dem Krper in der Psychotherapie
    Therapeutische Interventionen in den menschlichen Organismus werden nur notwendig, wenn sein selbstregulierendes System nicht mehr angemessen arbeiten kann. Alle Interventionen, die diese Strung beseitigen, sind dann hilfreich und heilend. Schon ein Gesprch, ein Blick kann dies bewirken, wenn damit behindernde Normen in Frage gestellt werden und die Erlaubnis signalisiert wird, seinen eigenen Bedrfnissen und Impulsen Raum geben zu drfen. Entscheidend ist, dass der Bereich berhrt wird,  der sich der Neuorientierung durch Selbstregulierung widersetzt. 
    Dies knnen neuronale Bereiche sein, wenn sie mit verbaler Kommunikation erreicht werden knnen. Sind die strenden Erfahrungen aber  z.B. im System des autonomen Nervensystems gespeichert, kann die Arbeit mit der Atmung effektiver sein, weil dieses System  gut  ber den Atemrhythmus  beeinflusst werden kann (Porges).  Seine Vernetzung mit der neuronalen Hirnstruktur (ZNS) ist nicht so stark, dass jede Aktion und Reaktion ausschlielich von dort beeinflusst wird.
    Es macht auch einen groen Unterschied, ob ich mir vorstelle, wie stark und beweglich ich bin, oder ob ich dies bei krperlicher Arbeit und Bewegung erlebe, spre, wie ich stehe, tanze, Lasten trage, einen anderen Menschen berhre.  Wenn wir in der deutschen Sprache ausdrcken wollen, etwas verstanden zu haben, dann sagen wir, es begriffen` zu haben. D.h. wir haben es mit unseren Hnden angefasst. Mit den vielfltigen bungen in der Krperpsychotherapie kann wahr genommen werden, wie stark und lebendig ich wirklich bin.
    Menschen mit einem starren, eingefrorenen Krper knnen auch weniger  Emotionen wahr nehmen. Denn in solch einem Zustand bekommt der Organismus weniger Informationen, die er zu seiner Selbstregulierung braucht. Bioenergetische Krperarbeit, die zu intensiverem emotionalen Erleben fhrt, frdert nicht nur den psychotherapeutischen Prozess, sondern ist ein wichtiger Faktor zur Aktivierung der biologischen Regulierungssysteme im menschlichen Organismus.
    Die derzeit aktuelle Sichtweise, dass menschliches Leben, Bewusstsein, Persnlichkeit  usw. vor allem das Ergebnis neuronaler Aktivitten ist, bersieht, dass seine Daten mit denen das Netzwerk Gehirn arbeitet, aus den Organen und Zellen stammen und von den Zustnden beeinflusst sind, die dort herrschen. Schon Antonio Damasio hat vor vielen  Jahren geschrieben, dass ein Gehirn ohne seinen Krper in einer Petrischale  vielleicht  existieren kann, aber es wrde sicherlich ein anderes Bewusstsein, Denken und Erleben schaffen. Es fehlen ihm nmlich die Daten aus einem  Krper, mit dem es sein System fttert und in der uns bekannten Weise arbeiten lsst. Wir mssten wohl mit einer sehr anderen Identitt rechnen (Damasio, S. 298 ff).

    Die Identitt, die wir Menschen im Laufe unserer individuellen Entwicklung erworben haben, ist im Kontakt mit unserer realen und sozialen Umwelt entstanden und an diese gebunden.  Wenn wir unsere Augen schlieen, kann es sein, dass wir uns in einer ganz anderen Umgebung und Lebenswirklichkeit sehen und erleben. Von der aktuellen Welt, in der wir uns gerade befinden, nehmen wir vielleicht nichts mehr wahr. Es ist eine Situation, die den Nacht- und Tagtrumen sehr hnlich ist. Wir erleben uns dann in einer ganz anderen Identitt, und wir knnen auf diese Weise ganz unterschiedliche Identitten annehmen, die uns alle gleich richtig erscheinen. (Menzinger S.112 ff). Nur  wenn wir die Augen ffnen, uns in dieser Umgebung sehen, unsere Fe auf dem Boden spren, Stimmen hren von Menschen und Tieren, die wir auch berhren knnen, dann verbinden wir uns mit der Identitt, mit der wir uns entwickelt haben. Wir mssen uns mit dieser Wirklichkeit verankern, um gut und sicher leben zu knnen. Deshalb ist Grounding als Intensivierung der Wahrnehmung und dem Spren unseres Krpers in der Welt, in der er lebt und sich bewegt, so wichtig. Spirituelle Menschen, die sich viel im esoterischen Bereich bewegen, haben manchmal erhebliche Schwierigkeiten, mit dem alltglichen Leben klar zu kommen. Ihre Bindung an die irdische Realitt scheint lockerer zu werden.
    Unabhngig davon, ob wir ein dualistisches oder ein ganzheitliches Menschenbild vertreten, psychisches und geistiges Leben kann nur mit einem lebendigen biologischen Krper wahr genommen und erlebt werden.  Psychotherapeutische Arbeit  kann  nur gelingen, wenn ausreichend viele biologische Systeme gut funktionieren. Psychische und geistige Aktivitten sind die hervorragenden Mglichkeiten, das biologische System Mensch zu verstehen und zu beeinflussen.


    7.  Zusammenfassung
    1. Auch wenn wir in der Bioenergetischen Analyse bemht sind, psychische Zustnde und Verhaltensweisen zu beeinflussen, arbeiten wir immer mit einem biologischen System, das nach physiologischen, chemischen und physikalischen Prinzipien funktioniert.
    2. Das biologische System schafft Emotionen und Gefhle, die Auskunft geben ber seinen Zu-stand und eventuell notwendigen Regulierungsbedarf anzeigen.
    3. Dieser Organismus arbeitet mit dem Prinzip der Selbstregulierung.
    4. Die Selbstregulierung kann u.a. gestrt werden durch traumatische Erfahrungen, Normen, kulturelle und religise Werte.
    5. Psychotherapeutische Arbeit besteht darin,  die Behinderungen der Selbstregulierung  zu beseitigen.
    6. In der psychotherapeutischen Arbeit ist  Krperarbeit notwendig, weil
        1. nur mit einem lebendigen Krper emotionale Daten generiert werden knnen,
        2. nur ber den Krper eine Verankerung mit der realen Welt hergestellt und die Entscheidung  fr eine einzige sichere Identitt getroffen    werden kann.
    7. Der menschliche Organismus ist eine Lebensgemeinschaft von vielen Zellen, die sich arbeitsteilig organisiert hat. Die neuronale Struktur ist Teil dieser Gemeinschaft und hat vor allem koordinierende und steuernde Aufgaben. Der aktuelle Fokus auf die Erkenntnisse der Neurowissenschaften vernachlssigt die Ganzheit dieser Lebensgemeinschaft  und bersieht  wesentliche Zusammenhnge und Prozesse. Fr die Entwicklung der Bioenergetischen Analyse war zentral, den Blick vom Kopf (Verstand) auf den Krper, die Fe (Emotionen) zu richten.  Diesen Fokus muss sie beibehalten und pflegen, wenn sie ihr Grounding nicht verlieren will und damit auch jede Bedeutung in der wissenschaftlichen psychotherapeutischen Welt.



    Literatur:
    Domasio, A. (1996) Descartes Irrtum. Fhlen, Denken und das menschliche Gehirn. List, Mnchen
    Mahr, Rainer (2005)   Ein  Energiekonzept der Bioenergetischen Analyse. in: Forum der Bioenergetischen Analyse .   1/2005, S.17 - 30
    Metzinger, T. (2011) Der EGO Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst:  Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Bloomsbury, Berlin
    Porges, S. W. (2010) Die Polyvagal – Theorie. Neurophysiologische Grundlagen der Therapie. Jung-fern Verlag, Paderborn
    Reich,W. (2001), Erstverffentlichung 1948. Die Entdeckung des Orgons. Der Krebs.KIWI
    Tipler, P. A. (1995): Physik . Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin, Oxford
    Tretter,F. Grnhut, C. (2010) Ist das Gehirn der Geist? Grundfragen der Neurophilosophie. Hogrefe, Gttingen
     

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